Manchmal, ganz selten, ist die Geschichte eine Romanze – begeisternd, zu Tränen rührend. Meistens ist die Geschichte bloß ein Geschäft. Dann freuen sich alle die, die kassieren dürfen, und die anderen stehen mit leeren Taschen da und schauen betreten zu Boden.

Wäre die Geschichte eine Romanze, dann wäre der 9. November 1989 so etwas wie Deutschlands Liebesnacht gewesen (die Deutschen, wir erinnern uns, „das glücklichste Volk auf der Welt“). Die arme, unfreie DDR, jählings vermählt mit der viel reicheren, viel freieren (aber auch sonderbar verfetteten und geistlosen) Bundesrepublik. Eine Nacht, in der die beiden Deutschlands miteinander ein neues, drittes, schöneres Deutschland gezeugt hätten – wir bitten um Nachsicht für das reichlich steile Bild, aber in Märchen und Romanzen ist so was möglich. Deutschland: die Fabel vom Prinzen und vom Aschenputtel und von nichts als Glück.

Schon damals hätten wir wissen müssen, daß die deutsche Geschichte nicht in Mädchenschuhen dahergeht, sondern in schweren Stiefeln. Dann wären wir nicht überrascht gewesen über das, was jetzt kommt: Auf die Liebesnacht im November folgt nun die traurige Hochzeit im März. Die Braut (ein Fädchen nur noch) wird nicht sachte wachgeküßt, sondern grob an den Altar geschleift – vielleicht, das muß man eingestehen, ist das ihre einzige Rettung vor dem Tod.

Eine abgrundtiefe Traurigkeit herrschte bei den Verlierern, am Wahlabend der DDR. Die Helden der Revolution, die wenigen wirklichen Widerständler: zu beinahe lächerlichen Randfiguren degradiert. Das Mitläufer-Volk wählte die Mitläufer-Partei und sprach sich damit selber frei. Das ist für viele ein Schock, eine Überraschung ist es nicht. Wenn nun die Vereinigung Deutschlands als rüde Geldheirat und rasche Nothochzeit vollzogen wird, dann ist das nicht einmal das Schlimmste, was einer Revolution passieren kann. Es gab Revolutionen, die endeten im Terror der Revolutionäre oder versanken in deren Unfähigkeit – diese kurze deutsche Revolution endet nun im Mittelmaß, und vielleicht kann sie nur da überleben.

Erleichtert wenden wir unseren Blick von der Politik auf die dramatische Literatur – und sehen, daß sie vom Leben mehr weiß als das Leben selber. Denn die großen Romanzen haben auch hier keinen Platz auf Erden. Penthesilea verschlingt den Achill. Romeo, Ferdinand, Julia, Luise und all die anderen – sie finden ihr Glück erst am „dritten Ort“, im Grab oder im Himmel.

Wenn auf Erden Hochzeit gehalten wird, dann geht es (erstens, zweitens und drittens) ums Geld. Dann treten die verkehrtesten, groteskesten Paare zur Vermählung an. Etwa so: Die Braut ist schwanger (vermutlich nicht vom Bräutigam), der Hochzeitsabend ein schrilles Debakel. Die selbstgezimmerten Möbel („Billig war es auch nicht!“ klagt der Bräutigam) gehen aus dem Leim, und am Ende fällt das Ehebett unter der Last der Eheleute auseinander. So kracht zusammen, was zusammengehört. Das Stück heißt „Die Kleinbürgerhochzeit“, sein Autor Brecht.

In Elias Canettis „Hochzeit“ fällt die Decke herunter, stürzen die Mauern ein, wird die Hochzeit zum Kleinbürgerweltuntergang. Und in Karl Valentins Farce „Im Photoatelier“ betritt ein Brautpaar die Bühne, worin man auch eine deutsche Szene von heute erkennen könnte: „Der Bräutigam ist ein Riese von über zwei Meter Länge, mit Zylinder... Die Braut ist eine sehr kleine, häßliche Frau, die auch von einem Zwerg dargestellt werden kann.“