Der letzte Surrealist: Philippe Soupault starb in Paris

Von Iris Radisch

Trost

Hand in Hand Auge in Auge Erinnerungen wie Sterne und Träume, vergessen und wiedergefunden. Nichts ist verloren Staub der Erinnerung verirrte Briefe es genügt einzuschlafen.

Nichts ist verloren. Philippe Soupault ist gestorben. „Trost“ heißt eines seiner letzten Gedichte. Es spricht von vergessenen Träumen, von verirrten Briefen, von einem Leben Hand in Hand, Auge in Auge. Und am Schluß: einschlafen. Das genügt. Das Gedicht ist die Kurzfassung eines Lebens. Des Lebens eines fast vergessenen und in den letzten Jahren wiedergefundenen Dichters. Es genügt, diesem Gedicht nachzugehen, um sich an Philippe Soupault zu erinnern.

Hand in Hand

Auge in Auge habens Philippe und Ré Soupault 65 Jahre lang gelebt. Jeder für sich allein, jeder in seiner eigenen Wohnung, nie weit voneinander entfernt. 1925 haben die beiden geheiratet. Ré, die Deutsche, die von ihren Eltern für geisteskrank erklärt wurde, als sie 1921 nach Weimar ins Bauhaus ging, sich mit Kurt Schwitters und Viking Eggeling befreundete und eigentlich gerne in Moskau Prêt-à-porter-Kleider an die russische Frau gebracht hätte. Und Philippe, der zweifach geschiedene Mann aus gutem Hause, der im Brotberuf eine Öltankerflotte zu dirigieren verstand und doch zu anderem berufen war: ein Dichter „von Geburt“, der jedoch beides nicht gewollt hat, das Dichten nicht und auch nicht das Geborenwerden. Seine Lösung, von beidem möglichst wenig Aufhebens machen. Wenig Lärm um viel. Zurückgezogen und Tur an Tür mit seiner Frau hat Soupault in den letzten Jahren im noblen 16. Pariser Arrondissement in studentisch kargen Verhaltnissen gelebt. Ein kleines Appartement, wenig Bücher, keine Bilder, keine Erinnerungstrophäen, spärlich möbliert. Alles jederzeit in fünf große Koffer zu packen. Ein altes Liebespaar auf Abruf in der Residence d’Auteuil, Appartement 415 und 367, „Hand in Hand, Auge in Auge“, ein gräßlicher Neubauflur dazwischen.