Eine Antwort auf Edzard Reuters kolossalwirtschaftliches Konzept

Von Kurt Biedenkopf

Ein neues Netz für den Frieden hat Edzard Reuter mit Blick auf die Wirtschaftskonferenz der KSZE-Staaten vorgeschlagen. Sein Plädoyer für mehr Partnerschaft setzt auf ein neuartiges Sicherheitssystem durch ökonomisches Zusammenwachsen der Völker. Sein Kronzeuge ist Jean Monnet. In ihm sieht er zu Recht den geistigen Vater des zivilen Friedens im westlichen Europa. Seine Idee eines integrierten Marktes, vor allem in den industriellen Bereichen, auf die sich die Macht der damaligen Nationalstaaten stützte, Kohle und Stahl, hat sich als erfolgreich erwiesen.

Die Erfahrungen mit Jean Monnets Konzept, das in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und in Euratom seine Fortsetzung und Erweiterung fand, führt Reuter zur These seines Vorschlags: Weltwirtschaftlich richtig organisierte Strukturen können auch heute politische Abhängigkeiten schaffen, denen eine völlig neue politische Qualität zukommt.

Auf der grenzüberschreitenden Wirkung des Handels und der integrierenden Kraft der Märkte und ihrer Arbeitsteilung beruht die Idee, durch Integration der wirtschaftlichen Grundlagen staatlicher Macht die klassischen Nationalstaaten selbst in eine letztlich weltumspannende Zusmmenarbeit zu führen und sie so auf dauerhaften Frieden zu verpflichten. Niemand wird deshalb widersprechen, wenn Edzard Reuter fordert, die Politik müsse aus Gründen machtpolitischer Stabilität Vernetzungen jeder Art fördern, Märkte öffnen, den freien Fluß von Informationen zulassen und so globale Interdependenzen hervorbringen, denen sich niemand entziehen kann.

Schwierigkeiten habe ich deshalb auch nicht mit dem Prinzip, an dem Edzard Reuter sich orientiert, sondern mit der von ihm vorgeschlagenen Verwirklichung dieses Prinzips. Reuter geht davon aus, daß Macht, vor allem Weltmacht, die Beherrschung der Schlüsseltechnologien, in erster Linie der Mikroelektronik, voraussetze. Die weitere Entwicklung dieser Technologien, deren imperative Notwendigkeit Reuter voraussetzt, könne nur gelingen, wenn mehr als die Unternehmen eines einzigen Kontinents zusammenarbeiten. So lautet der Schlüsselsatz seines Konzepts: "Die Welt wird durch globale Konzerne und durch Regionen, die jeweils nach dem notgedrungenen Willen ihrer Regierungen zusammenarbeiten, Schritt für Schritt zu einer Einheit zusammengeschweißt." Zwar soll der arbeitsteilige Wettbewerb zwischen Unternehmen, Staaten und Kontinenten nicht erlöschen. "Doch die Beherrschung der ihm zugrundeliegenden modernsten Technologien erzwingt unausweichlich gemeinsame Arbeit." Deshalb könnten "die bösen Multis" zum "Segen werden, wenn man es nur richtig anstellt".

Reuter sieht zwei praktische Ansatzpunkte für diese Strategie: die Integration der Währungen, in deren Raum militärische Konflikte nicht mehr möglich sind, und strategische Allianzen, die sich zunehmend weltweit zwischen Unternehmen bilden. Sie will er "ohne Einschränkung des Primats demokratisch legitimierter Verantwortung" für Stabilitätszwecke nutzbar machen. Ihm schwebt ein konzertiertes Zusammenwirken der Investoren und der Regierungen, eine Art kooperative weltwirtschaftliche Arbeitsteilung vor. Von ihr erwartet er sich zum Beispiel im Umweltschutz, daß "global ausgerichtete Konzerne ... innerhalb ihres eigenen Unternehmensverbundes weltweit gültige Werte realisieren und so zu einem sich allmählich selbst aufrechterhaltenden Prozeß zunehmend umweltverträglichen Wirtschaftens beitragen". Die Alternative zu einem solchen gewissermaßen selbsttragenden Unternehmensverhalten sieht Reuter im "Krieg um Ressourcen" als Tribut an eine "schauerlich mumifizierte nationale Souveränität".