Neue Thesen zur Psychologie des Wohlstands

Von Irene Mayer-List

Wenn Ökonomen über das Wohl der Menschheit nachdenken, gehen sie meist von einem recht simplen Menschenbild aus. In den volkswirtschaftlichen Modellen haben die Leute unendlich viele materielle Wünsche und können diese nur mit Geld verwirklichen. Steigt das Durchschnittseinkommen pro Kopf der Bevölkerung, so ist der Ökonom zufrieden, erst recht, wenn die Zahl der Telephone, Waschmaschinen oder Videorecorder pro Kopf zunimmt. Der Wirtschaftswissenschaftler glaubt, daß ein angenehmes, behäbiges Dasein Grundlage aller menschlichen Zufriedenheit ist – und sein Ideal prägt heute die ganze Welt.

Macht steigender Wohlstand wirklich zufriedener? Hat ein gut verdienender Angestellter in Düsseldorf mehr Spaß am Leben als sein ärmerer Kollege in Madrid? Ist das Streben des einzelnen und der Politiker nach immer höherem Einkommen und Annehmlichkeiten vielleicht nur eine überholte Angewohnheit aus vergangenen Jahrhunderten, als sich die Menschen noch ein Leben lang vor Hunger und Armut fürchteten? Verdrießt und langweilt uns gar der permanente Komfort?

Ohne Würze kein Genuß

Schon vor mehr als zehn Jahren ging ein Professor an der kalifornischen Stanford University, Tibor Scitovsky, diesen Fragen nach. Anders als Wachstumskritiker wie Dennis Meadows und John Kenneth Galbraith kümmerten ihn nicht die externen Kosten unserer Wirtschaft wie etwa die Verschmutzung der Umwelt. Er wollte mehr über den Einfluß steigenden Wohlstands auf die Gemütsverfassung der Menschen wissen. Hat das Wirtschaftswachstum die Gesellschaft glücklicher gemacht?

Scitovsky hatte Zweifel und versuchte sie mit Erkenntnissen aus der Psychologie zu belegen, eine geschlossene Theorie hat er nie entwickelt. Dafür aber gab er viele interessante Gedankenanstöße, die jetzt wieder nachzulesen sind: