Nach 8500 Kilometern Flugreise von Moskau beginnt in Jakutsk eine einzigartige Reise auf einem Strom, der bisher für einen westlichen Touristen unbefahrbar war. Nicht zuletzt auch wegen einer fehlenden Infrastruktur in diesem Teil Ostsibiriens, die erst mit dem Bau der Bajkal-Amur-Magistrale (BAM), der „Konkurrenz“ zur Transsibirischen Eisenbahn, in Gang kam. Auch fehlte das passende Schiff – bis die Osterreichischen Schiffswerften in Korneuburg bei Wien 1986 die MS Demjan Bedny vom Stapel ließen. Allein zwei Jahre dauerte dann die Überführungsfahrt von der „blauen Donau“ bis zur fernöstlichen Lena. Bevor sie endlich im gewaltigen subarktischen Mündungsdelta der 4265 Kilometer langen Lena sichere und ruhige Gewässer erreichte, mußte sie Eisbrecherhilfe in Anspruch nehmen. Von der Mündung waren noch einmal 1800 Kilometer stromauf zurückzulegen. Damit ging die wohl spektakulärste Reise eines Binnenschiffes zu Ende.

Die neunzig Meter langen Kreuzliner – die Michael Svetlov ist Flaggschiff der Taiga-Flotte – sind mit allem Komfort ausgestattet. In dieser Einöde menschlicher Zivilisation ist das nicht gerade selbstverständlich. Andererseits: Wer nach Ostsibirien reist, muß die Weite der Landschaft lieben, das helle Licht des Nordens, den majestätischen, bis zu fünfzehn Kilometer breiten Strom mit seinen Inseln und Sandbänken. Mitten durch das Herz der Taiga verläuft diese Lebensader.

Aus der Relingperspektive kann man ein Land entdecken, das so ganz anders ist, als viele es sich zu Hause vorstellen. Wo im Winter alles bei minus 50, 60 Grad Celsius tiefgefroren ist, steigt im Hochsommer das Thermometer auf über 25 Grad. Statt karger Landschaft blühen Blütenteppiche; dazwischen finden sich stellenweise gerodete Anbauflächen, auf denen Kolchosbauern arbeiten. Kontakt zur jakutischen Urbevölkerung gibt es unterwegs genügend, nicht nur in der 180 000 Einwohner zählenden Stadt Jakutsk, wo einst Verbannte, Abenteurer, Kaufleute und Pelztierjäger hausten. In Nerjuktjai wird ein Jakutendorf erkundet und ein Sommeranfangsfest gefeiert.

Das ungewöhnliche Reiseprogramm beinhaltet auch den Besuch einer Ausgrabungsstätte der ältesten Menschensiedlung der Welt. Unterwegs wird auf Flußinseln oder am Lena-Strand am Lagerfeuer gegrillt oder Suppe von selbstgefangenen Fischen gekocht. Unter sibirischem Sternenhimmel schmeckt’s dann doppelt so gut. Wanderungen durch die Taiga über dauergefrorenen Boden, eine kleine Bergtour, Spaziergänge durch Siedlungen, die Besichtigung eines großagrarischen Staatsbetriebes und das Badevergnügen im längsten sowjetischen Strom mitten im tiefsten Sibirien sind mehr als verlockend. Mit einer Karibik-Kreuzfahrt ist eine derartige Schiffsreise allerdings nicht zu vergleichen: Der Komfort ist zwar an westlichen Maßstäben orientiert, doch werden dem Magen landestypische Spezialitäten präsentiert.

Nach sieben Tagen und 1350 Flußkilometern endet die Reise wieder in Jakutsk. Die Flußkreuzfahrten finden nur im Sommer statt, denn nur von Ende Mai bis Oktober ist der Strom eisfrei, herrscht Schiffahrtssaison. Kein Schiff kann den gewaltigen Eisgang überlisten, westeuropäischer Hochsommer hin oder her. Schließlich liegt der Kältepol der Erde geographisch „gleich um die Ecke“: in Werchojansk beziehungsweise Oimjakon. Peer Schmidt-Walther

Informationen: Lena-Fahrt

Pauschalreisen: Eine elftägige Lena-Fahrt kostet ab Frankfurt von 2349 Mark an; ab Berlin-Schönefeld sind von 1995 Mark an zu zahlen (Vier-Bett-Außenkabine). Das Programm kann bei Olympia-Reisen (Siegburger Straße 49, 5300 Bonn 3, Tel. 0228/400 03-0) und bei Karawane Studienreisen (Postfach 909, 7140 Ludwigsburg, Tel. 07141/874 30) gebucht werden.