In Berlin, wo Touristiker aus beiden Teilen Deutschlands zusammensaßen, entstanden wahre Horrorszenarien, wenn von der bevorstehenden Reisesaison die Rede war. Ein Professor aus Dresden sah Trabis und Wartburgs bereits „wie Molotowcocktails“ über bundesdeutsche Autobahnen rollen. Deren Besitzer würden den Sprit bis unter das Wagendach bunkern, so warnte er, wenn nicht zuvor preisgünstige Benzingutscheine ausgegeben würden.

In der DDR wiederum sehen Naturschützer bereits entfesselte Besucherhorden in ökologische Schongebiete eindringen. Sie fürchten, bisher stille Seen könnten bald vom Lärm der Motorboote widerhallen, Wiesen sich in Hotelbauland oder in Golfplätze verwandeln. Die Angst der Mahner scheint keineswegs aus der Luft gegriffen.

Es kann kaum Zweifel daran herrschen, daß die wechselseitigen Besuche der Deutschen in dieser Reisesaison vor allem die DDR vor handfeste Probleme stellen werden. Landschaftlich attraktive Gegenden wie Spreewald, Sächsische Schweiz, Thüringer Wald und Ostseeküste waren bisher schon von der eigenen Bevölkerung so stark frequentiert, daß sich in manchen Gebieten bereits die Grenze des Erträglichen abzeichnete.

Die DDR steht derzeit vor der Aufgabe, möglichst zügig einen professionellen Tourismus nach westlichen Maßstäben und nach marktwirtschaftlichen Prinzipien aufzubauen. Die neue Gewerbefreiheit schafft die Voraussetzungen dafür. Zu Hunderten liegen bereits Anträge für die Eröffnung von Reisebüros vor. Noch immer aber und überall fehlt es am Know-how: Die Fremdenverkehrschefs westdeutscher Ferienlandschaften werden von ihren DDR-Kollegen mit der Frage: „Wie macht man’s?“ bestürmt. Erste Kooperationen zwischen Ost und West haben bereits Gestalt angenommen. In den Städten und Gemeinden der DDR organisieren sich Interessenten, die künftig am Tourismus verdienen wollen: Vermieter, Restaurantbesitzer, Reiseveranstalter.

Die Leute fieberten danach, die schnelle Mark zu machen, meint Karl-Heinz Gummich vom Reisebüro der DDR. Doch alles gehe viel zu überstürzt beim Aufbau eines Tourismus mit akzeptablem Standard. Denn sicher sei, daß Unzulänglichkeiten, die West-Besucher beim ersten Schnupperbesuch noch hinnähmen, im nächsten Jahr wohl kaum toleriert würden.

Der aufkeimende Tourismus in der DDR ist gegenwärtig nicht frei von kuriosen Zügen. Denn während dort ein Besucherboom ins Haus steht, fehlt weitgehend die Basis für ein gewinnbringendes Geschäft. Schon jetzt haben DDR-Touristiker öffentlich den West-Besuchern geraten, mit Lunchpaketen anzureisen.

Ein Vertreter des Arbeitskreises „Tourismus mit Einsicht“ sann denn auch darüber nach, ob es nicht das beste sei, in diesem Jahr ganz auf eine DDR-Reise zu verzichten und die Befriedigung der Neugier aufs nächste Jahr zu verlegen. Kein schlechter Gedanke – die Realität allerdings wird wohl anders aussehen. Rosemarie Noack