West-Berlin

Wir streiken weiter – auch ohne euch!“ Hitzig ging es zu auf der Streikvollversammlung der Westberliner Kita-Erzieherinnen vergangenen Freitag. Die Parole lautete: lieber aufrecht untergehen als vor dem Senat in die Knie zu gehen:

Vor zehn Wochen legten rund 4000 Erzieherinnen in beinahe allen 396 städtischen Kindertagesstätten die Arbeit nieder. Der längste Streik in der Berliner Nachkriegsgeschichte wird fast ausschließlich von Frauen geführt – nur zehn Prozent des Personals ist männlich – und das in einem Bereich, der bislang von den Gewerkschaften wegen seines niedrigen Organisierungsgrads für „nicht arbeitskampffähig“ erachtet wurde. Inzwischen sind aber in West-Berlin neunzig Prozent der Erzieherinnen in GEW oder ÖTV organisiert.

Die Frauen streiken nicht für Prozente oder Festbeträge, sondern für bessere Arbeitsbedingungen – für einen Zusatztarifvertrag, der die Größe der Gruppen und den Personalschlüssel (Anzahl der pädagogischen Fachkräfte pro Gruppe) festschreiben soll. Weitere Forderungen: Anrechnung der Vor- und Nachbereitungszeiten auf die Arbeitszeit, bezahlte Freistellung für Fort- und Weiterbildung und Umschulungsmaßnahmen. Sie streiken für die Aufwertung eines typischen Frauenberufs, für die Verbesserung der gesellschaftlichen Erziehungsarbeit – und damit auch für die Entlastung von Müttern und Vätern.

Die Situation in den Kitas hat sich in den vergangenen Jahren ständig verschlechtert. Trotz Arbeitszeitverkürzung ist der Personalschlüssel seit 1976 gleichgeblieben: Bis zu dreißig Kinder kommen auf eine Erzieherin. Darunter sind Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen, zunehmend auch Kinder von Ausländern, Aus- und Übersiedlern, die meist intensivere Aufmerksamkeit brauchen als wohlsituierte Mittelstands-Kids.

Der Arbeitsstreß führt zu einem hohen Krankenstand – aber bringt wenig Geld: Zwischen 1400 und 2400 Mark netto verdient eine Erzieherin im Monat. Mehr als fünf Jahre im Durchschnitt halten es die Frauen in ihrem Beruf daher nicht aus. In Berlin fehlen zur Zeit 30 000 Kita-Plätze, und auch an Fachkräften und Nachwuchs ist Mangel – übrigens nicht nur in Berlin.

„Für die Berliner Kindertagesstätten haben der Platzausbau, die Verbesserung der dortigen Arbeitsbedingungen und die Steigerung der pädagogischen Qualität des Erziehungsangebotes Priorität“, steht in den Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und AL. Dennoch lehnte die SPD bisher jede Verhandlung mit den Streikenden ab. Nicht daß „König Momper“ und Partei grundsätzlich gegen verbesserte Arbeitsbedingungen in den Kitas wären. Bereits Mitte Januar beschloß der Senat 248 neue Stellen, Kostenpunkt: etwa neunzehn Millionen Mark. Aber man will verhindern, daß ein Personalschlüssel in einem Tarifvertrag festgeschrieben wird. Begründung: Dies sei ein Eingriff in das Budgetrecht des Parlaments. Die Tarifgemeinschaft der Länder (TDL), bundesweite Vereinigung der öffentlichen Arbeitgeber, sieht in einem solchen Vertrag „für die anderen Länder ein schlechtes Beispiel“. Nicht zu Unrecht. In den anderen Bundesländern blicken Gewerkschaften und öffentliche Arbeitgeber gespannt nach Berlin. „Es brennt in Bremen, in Hamburg, in Frankfurt, in Bayern. Auch dort werden Arbeitskämpfe vorbereitet“, weiß Marita Melzer, Mitglied der Westberliner Tarifkommission, von Kolleginnen aus Westdeutschland.