Die Türkei ist dabei, zum Pauschalreiseland zu werden. Fünf Jahre Tourismus haben das Gesicht vor allem der türkischen Küste total verändert.

Der Bauboom, angeheizt durch Spekulanten aus Istanbul und Izmir, hat an der Küste unübersehbare Narben hinterlassen. Die Geschäftsleute sind aber bereits wieder auf dem Rückzug, denn sie haben sich gewaltig verschätzt. Die „Goldader Tourismus“ ist längst nicht so ergiebig wie kleinen türkischen Anlegern oft vorgegaukelt wurde, die dann mit ihrer Beteiligung an monströsen Hotelburgen mitunter die Familienersparnisse und mehr verloren haben.

Nach allen Prognosen werden 1990 die Zuwächse der Touristenzahlen deutlich zurückgehen. Geblieben sind geplatzte Träume vom schnellen Geld, geplatzte Wechsel, massenweise Bauruinen am Strand, die nur noch stehen, weil selbst das Geld zum Abriß fehlt sowie nagelneue Geisterhotels, die niemals eröffnet werden. Zudem bekämpfen sich die Hotelbesitzer untereinander gnadenlos in einem ruinösen Preiskrieg. Zwar sind die Zimmer dadurch spottbillig – zwanzig Mark inklusive Frühstück in einem guten Hotel –, aber die Medaille hat eine Kehrseite: Nur durch Massenentlassungen können die latent pleitegefährdeten Hoteliers noch mithalten. Mit dem verbleibenden Personal aber sind die oft weiträumigen Anlagen nicht mehr in den Griff zu bekommen.

Auch viele Türken, die sich dabei eine goldene Nase verdient haben, sind nachdenklich geworden: „Klar sieht es schlimm aus, aber in Spanien ist es noch schlimmer. Und die haben vierzig Millionen Touristen im Jahr – wir aber nur vier Millionen. Wenn alle nur einmal hierher kommen, dann reicht mir das“, lautet die Fünf-Finger-Betriebskalkulation. Eine Formel, die für alle bekannten Orte der Südküste mehr oder minder gilt, ob Marmaris, Fethiye oder Antalya.

Wenn die Einheimischen Ferien von den Fremden machen wollen, dann reisen sie an die Schwarzmeerküste. Das Klima ist milder als im heißen Ägäisraum, es gibt dort viel Wald und wenig Menschen.

Die Türkei ist nach wie vor ein attraktives Reiseziel. Die kurze Zeit hat einfach nicht gereicht, um alle Buchten einzubetonieren, wunderschöne Flecken gibt es immer noch reichlich – nur dauert die Suche jetzt etwas länger.

Peter Kemnitzer