Von Benedikt Erenz

Was ist eigentlich, so könnten doch die Akademie von Dijon oder die für ihren Scharfsinn berüchtigte von Darmstadt heute einmal fragen – was ist eigentlich ein Intellektueller? Nun, würden wir antworten, nun. Da stellen wir uns einfach mal ganz dumm, vielleicht nicht ganz so dumm wie der güldene Brockhaus-Wahrig, der zu diesem Stichwort nur die Erhellung "akademisch Ausgebildete(r), Wissenschaftler(in), Geistesarbeiter, Verstandesmensch" beizutragen hat, und sagen: zum Beispiel Rousseau.

Ja, vielleicht war der große, der arme Jean-Jacques der erste moderne Intellektuelle überhaupt. Nicht, daß es vorher – von der Antike bis zur Renaissance, von Sokrates bis Leonardo, von Seneca bis Montaigne und Erasmus – den Typus des nachdenkenden Schriftstellers, des vordenkenden Experimentierers, des selbstdenkenden Gelehrten nicht gegeben hätte. Aber in seiner einmaligen, besser: erstmaligen Mischung aus Theoretiker und Träumer, Pamphletist und Beter, Kitschier, Revolutionär, Menschheitsbeglücker und Misanthrop, in seinem Versuch, sein Denken und Träumen zu leben, als Bettler und als König, außerhalb der Gesellschaft und zugleich als ihr Idol, abseits des Volkes und doch als dessen geheimer Tribun, war die Erscheinung "Rousseau" etwas völlig Neues. Sicherlich, es existierte – oft genug: vegetierte – damals (und das war eine echte Premiere der europäischen Kulturgeschichte) eine ganze Klasse freischwebender Intelligenzler aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus, in Pariser Salons, vor preußischen Kaminen, in Londoner Redaktionsstuben schwatzend, deliberierend, Projekte machend, und doch verkörperte wohl keiner den neuen Typus so absolut wie Jean-Jacques Rousseau, Citoyen de Genève.

Ein verlogenes Bild?

Dem Phänomen Rousseau, nicht der philosophiegeschichtlichen Größe, nicht der historischen Gestalt, ist eine ungewöhnliche Ausstellung gewidmet, die zur Zeit das Musée d’Art et d’-Histoire in Genf zeigt. "Moi seul", "Ich allein", der Wahlspruch der "Bekenntnisse", ist das vielsagende Motto. Denn nicht etwa Lebenszeugnisse, Schriften, zeitgenössische Dokumente stehen im Mittelpunkt – all dies, vom Schulheft bis zur Totenmaske, kann im Museum der Genfer Universitätsbibliothek ohnehin standig beäugt werden –, sondern seine Portraits: Bilder, Büsten, Münzen des Mannes, der, nach Napoleon, mit über sechstausend Bildnissen der wohl meistkonterfeite seiner Epoche war.

Doch was zunächst "bloß" kunsthistorischer Exkurs zu sein scheint, entpuppt sich bald als das mal amüsante, mal frappierende Schauspiel einer drastischen Lebensmetamorphose: Der Mensch Rousseau wird zum Phänomen, ja, zum Phantom Rousseau, zu dem Phantasieprodukt seiner selbst und seiner Zeitgenossen. (Wobei die Ausstellungsmacher, wie schon der Untertitel ihrer Schau – "Revolution, Romantik, Republik" – verrät, noch weitergehen, bis in die ersten Jahre unseres Jahrhunderts.)

Gegliedert ist diese exklusive Galerie nach vier oder fünf "prototypischen" Portraits, darunter das Pastell Latours, das – beinahe schon zu Tode reproduzierte – Ölbild Allan Ramsays ("in armenischer Tracht") und natürlich die eindrucksvollen letzten Büsten Houdons. Zahllose Kopien und zum Teil groteske Varianten, aber auch ganz eigenständige Einzelbilder, herrliche Skizzen darunter, ergänzen diese Haupt- und Staatsstucke – bilden zusammen Stationen oder auch nur Momentaufnahmen einer Biographie, die auf der Suche nach "Wahrheit" in immer neuen Lebensposen steckenblieb: Selbstfindung als Selbsterfindung. Eine Biographie jedoch nicht allein als intimes Experiment, sondern als öffentliche Inszenierung; die Rousseau-Bildnisse – erst recht die der Revolutionszeit und die des 19. Jahrhunderts – sind natürlich auch Projektion, zeigen den Akteur mit den Augen seines Publikums, beziehungsweise in posthumer Verklärung.