Von Susanne Schlötelburg

Tun S’ mir den G’falln und lesen S’ des Buch net politisch“, rät mir Gershon Shaked, Professor für hebräische Literatur in Jerusalem. „Nur weil in einem israelischen Roman dem Helden die Frau wegstirbt und der arme Mann, immer noch a bissel bedeppert, sich nach was Neuem umschaut, heißt das doch nicht gleich, daß der Autor damit andeuten will, daß Israel seine politische Vergangenheit neu bewerten und andere Möglichkeiten für die Zukunft ins Auge fassen muß. Des müß’ma schon, aber des hat mit dem Roman nix zu tun.“

Die Rede ist von Abraham B. Jehoschuas Roman „Die fünf Jahreszeiten des Molcho“, der 1987 in Israel erschien und dort sofort zum Bestseller avancierte. Hängt den Israelis etwa die Politik zum Hals heraus? Doch selbst die sonst so streitbare New York Times schwankte zunächst, ob eine politische Lesart für Jehoschuas Roman angebracht sei, und erlag dann doch der verführerischen Erzählkunst Jehoschuas. Mit sich selbst hadernd beschloß sie, „Die fünf Jahreszeiten des Molcho“ für einen altmodischen, doch großartig erzählten realistischen Roman mit meistenteils unausstehlichen Protagonisten zu halten.

Und in der Tat nimmt einen der Roman vom ersten Satz an gefangen, verwickelt einen, gerade wie die schönen Romane des 19. Jahrhunderts es zu tun pflegten, in Leben und Leiden des Protagonisten. Gerade will man sich noch wehren – man ist ja schließlich mit der hebräischen Moderne von Agnon bis Zeitlin vertraut –, da hat sich Molcho schon ins Leserherz eingeschlichen, und bald mag man Jehoschua nicht einmal mehr an seine literarisch revolutionären surrealistischen Anfänge in Erzählungen wie „Angesichts der Wälder“ erinnern.

„Um vier Uhr morgens“, so beginnt die Geschichte, „starb Molchos Frau, und mit aller Kraft bemühte sich Molcho, den Todesaugenblick festzuhalten, damit er sich ihm einprägte und in seiner Erinnerung haften blieb, denn er wollte sich erinnern.“ Doch zugleich möchte Molcho frei sein. Sieben Jahre lang hat er seine krebskranke Frau zu Hause gepflegt. Jetzt ist sie gestorben: „... als ihr Atem aufhörte, strich er über die Decke, küßte sie leicht auf die Stirn, sog ihren Duft ein, löschte das kleine Dauerlicht neben ihr und öffnete sofort das Fenster: Hier, du bist frei, flüsterte er, aber innerlich glaubte er nicht an diese Freiheit, sondern nur an das Nichtsein, und er hatte das tiefe, dringende Bedürfnis, auf den Balkon hinauszutreten, um die Welt anzuschauen: Das war der Abschied, der Augenblick, Winteranfang. ... Bald würde auch er frei sein.“

Das heißt, er würde frei sein, in die Welt hinauszugehen, die Frauen zu erobern, sich wieder zu verheiraten. Jehoschuas Roman erzählt in fünf nach Jahreszeiten benannten Teilen, was seinem Möchtegern-Don-Juan während des ersten Trauerjahres an skurrilen Abenteuern widerfährt.

Daß der mit 51 Jahren noch sehr attraktive Molcho scheitern muß, liegt einerseits an der literarischen Tradition des traurigen Abenteurers von Cervantes’ Don Quijote bis Mendele Moicher Sfurims lahmem Fischke, an die Jehoschua anknüpft, und andererseits an jenem ersten Satz des Romans. Molchos Erinnernwollen des langen Leidens und des Todes lähmt Freiheitsdrang und Abenteuerlust – und schon ist man wieder versucht, in Molcho einen Repräsentanten der israelischen Gesellschaft schlechthin zu sehen.