Ein wilder, alle Lesegewohnheiten umkrempelnder Anfang: „Der Morgen ist eine Sandviper und wartet in der Wüste. Die Wirklichkeit ist eine bissige Hündin.“

Wer so anfängt, spielt mit hohem Einsatz. Die poetische Prosa einer Erzählung, deren „Fabel“ nur sehr schwer nachzubuchstabieren wäre, ist kühn bis zum Kitsch, bizarr in den am Surrealismus geschulten, gewagten Bildern und von höchster Musikalität – bis in Reimwörter, Stabreime, Assonanzen, manchmal nur gesuchte, oft aber glücklich gefundene Kadenzen im Rhythmus von Dreier-Formeln („ ... und singt und schweigt und verschwindet“).

Ein erstaunliches literarisches Debüt. Eine knappe Erzählung, ganze 82 Seiten. Die in viele kleine (oft nur einen einzigen Satz umfassende) Abschnitte gegliederten Miniaturen sind in einem raunenden Dringlichkeits-Ton geschrieben, dem sich der Leser schwer entziehen kann: „Es flüstert was, die Hoffnung an der Schwelle des Zuendeseins... O wenn ich schlafe, wie schön im Silberschlamm meiner dumpfen Träume... Es ist die Welt ein böses Wort geworden und jedes Ding ein Krieg... Zwischen heute und heute schreit immer wer und niemand weiß zu helfen. Wie die Wolken das Nichts vor sich herfegen. Es ist so seltsam, auf den Wipfeln eines Unglücks zu sitzen, das nicht sprechen kann, und in die Ferne zu spähen als ein Falke mit lahmen Flügeln... Abends muß ich traurig sein und bin doch ohne Not. Was läßt mich so zurück... Die Spur, die ich bin, weil ich dich zaghaft liebhabe. Ich leuchte schon so sehr. Schick mich jetzt fort. Verwirf mich, und ich bin erlöst, muß nicht mehr hoffen. Nichts fragte mehr oder klopfte an. Ich hätte genug im Totsein ..“

Seltsame Sätze, auch schöne. Aber bedeuten sie etwas über den Sprachtaumel hinaus? Was die sogenannte weibliche Ästhetik ist – ich weiß es noch immer nicht, trotz kluger Essays. Aber daß diese Prosa mit ihren brennenden Metaphern, ihrem Überschwang, ihrem tollkühnen Wagemut zur Zeit wohl nur von einer Frau geschrieben worden sein kann, merkt rasch, wer gelegentlich in Erstlingsbücher zeitgenössischer Autoren schaut.

Die Autorin heißt Bianca Döring, wurde 1957 geboren, hat Kunstgeschichte und Musik studiert, hat als Malerin ausgestellt, ist als Konzertsängerin mit klassischer Musik aufgetreten, hat in öffentlichen Performances das Zusammenspiel von Sprache, Musik, szenischer Darstellung zu ergründen versucht.

Jetzt hat die junge, in Kassel lebende Künstlerin sich ganz auf die Sprache eingelassen, in einer faszinierenden Mischung von Poesie und Prosa – und es ist ihr etwas geglückt, was auch noch da interessant bleibt, wo jede „Handlung“ im Sprachrausch ertrinkt, wo sich jeder Sinn in wilden Bildern verflüchtigt, wo die Sprache selber, wie im sfumato der Malerei, sich aufzulösen scheint: „Oh wie genieße ich diesen Traum, in dem alles atmet und weich ist und die Verzweiflung der Lust zu Grunde geht, aufgefangen wird in der Erfüllung der Lust... Und dann starren wir kühl ins sandfarbene Wunder Tod. Das Zeichen klirrt unter meiner Haut. Ich geb dir zu essen. Weiße Sahne, blutdunkles Fleisch, riesige Hauben aus geflochtenem Schlaf...“

Natürlich spricht Bianca Döring, indem sie solch schillernde Sprachschleier vor uns niederrauschen läßt, von anderem. Ihre Sprache benennt etwas, meint anderes. In einer Art allegorischen Erzählens wird etwas hinter der Geschichte erzählt, werden für Gefühle, körperliche Empfindungen oder seelische Zustände Wörter und Bilder gesucht. Aus dieser stilistischen Eigenart kommt aber auch die Gefährdung dieser waghalsigen Erzählung.