Von Jürg Laederach

Gut tut der Mensch, mit Schiller zu beginnen. Claus Peymann, etwas berühmter als sein Autor, lässt gegen Ende des „Tell“ die in der Schweiz oft ausgelassene Parricida-Szene spielen. Schiller, der Rütli-Revolte aus deutschen Gründen gewogen, übt in den Randformalien des Dramas, wozu die Coda nach dem Apfelschuss gehört, seine Technik der „moralischen Umwertung“. Wilhelm Teil, den wir soeben noch als Bierbichler bestaunten (oder vice versa), wird uns durch Schillern vermiest: Teil hat zwar den Vogt erschossen, doch er sieht sich als Freiheitsheld seiner Schweizer. Parricida schlug härter zu und killte den Kaiser, also den Chef des Vogtes. Dies wiederum findet Teil, der Erleger des kleinen Angestellten, tief sündhaft. Als Parricida, der Mörder, den Mörder Teil um Asyl bittet, wird der einfache Vogtmörder zum Schweizer und gewährt ihm eine rasche Suppe, etwas Verpflegung in seinem Haus. Sodann, so spricht der Mörder Teil versiert, musst du elend durch die Welt, vielleicht erlöst dich die Kirche, denn wisse, du bist ein Mörder, ich aber tötete den Vogt. Der Widerspruch, ein oxymoroser (Kalauer: scharf und melancholisch kollidierender) Schwachsinn der Argumentation, ist schweizerisch. Man muss den Bierbichler loben, man muss den Peymann schätzen, am meisten aber preisen muss man Schillern: Diese genaue Empathie hinsichtlich eines Alpenvolks, das er gerade eben noch mochte, dem er jetzt mit dessen eigenen konfusdialektischen Rede-Stilmitteln einen Schweins-Hieb versetzt, ehe der Vorhang zum Ende fällt. Die Schweiz, sie ist Papa, sie ist nicht parrizid.

Der semantisch bescheiden ausgerüstete eidgenössische Politiker, der bisher seine persönliche Dissidenten-Kartei führte, hat in diesen Tagen seine spezifische Art, die Wahrheit „Hier herrscht Staatskrise“ samt den entdeckten Karteiblättern unter den Teppich zu kehren. Es handelt sich um die einfachste Form eines verbal engineering, das gewunden wendet, was noch zu wenden ist. A: Es herrscht Staatskrise. B: Der Politiker äussert sich dazu. Er passt das Niveau des Dementis seinen Ausdrucksmöglichkeiten an und spricht ohne Blankvers: „Hier herrscht keine Staatskrise.“ Die Schweiz GmbH, man hört es überall wiederholt, und jetzt wird es bereits gar verschwiegen, ist das Land, das in keiner Staatskrise steckt: Sie durchläuft eine Phase überaus aktiver Abwesenheit von Krise – so könnte mit der rechten semantischen Biegung angefügt werden.

Diese Phase zeichnet sich aus durch ein Übermass an Unschuldigen, durch eine beruhigende Anzahl von Freigesprochenen, durch eine Menge von Gar-nicht-Angeklagten, durch eine in der Nicht-Krise äusserst handlungsfähige Ministerriege, die sich jeden Tag zu ihrer Handlungsfähigkeit äussert, beziehungsweise eben nicht mehr äussert, und die, wichtigstes Bindemittel von allen, von nichts etwas gewusst hat. Da sie, die regierende Ministerriege, von den von Hand geführten, also – möblierungsdimensional gedacht – wanddeckenden Spitzel- und Denunziations-Karteien nichts gewusst hat, hat auch das Parlament nichts gewusst. Es hatte auch niemand einen Verdacht, darum kontrollierte niemand. Warum musste niemand kontrollieren? Ganz einfach: Jeder kannte jeden anderen, er traute es ihm nicht zu. Oder aber er dachte dasselbe wie er. Dann traute er es ihm zwar zu, sah aber darin nichts Unrechtes. Was alle tun, kann nicht Unrecht sein. Bisher galt: Es gibt solches, man spricht davon nicht. Übrigens: Man wusste ja nichts. Sprach man mithin von dem, wovon man nichts wusste, dann sagte man: lieber darüber schweigen und darin nur weiterfahren, wenn ganz sicher ist, dass es das nicht gibt; womit bewiesen wäre, dass man’s nicht wissen kann und ... Es bräuchte einen Schiller, um diese Rabulistik in knallende Form zu bringen.

Die völlig zu Unrecht aus dem Amt entfernte, von der (in der Schweiz verfemten) vierten Gewalt, der Presse, gar von der (in der Schweiz verfemten, aber man kann nix dagegen tun) internationalen Druckproduktion schuldig gesprochene und dann vom höchsten Gericht der Schweiz, auf dessen Richterparkplätzen sie offenbar ihr Auto abstellen durfte, freigesprochene Justizministerin Kopp – sie, beziehungsweise ihre ungerechte Entfernung aus dem Amt setzte eine parlamentarische Untersuchungskommission in Gang, die sogar die vielfach schrankgrossen, 900 000 Karteiblätter enthaltenden Dateien fand, worin, über den Daumen gepeilt, drei Viertel der Schweizer das restliche Viertel ausspähten, denunzierten, abhörten, still verfolgten: Die Verfolger waren nicht die drei Viertel, sondern in deren mentalen Diensten stehende Politbeamte, die ganz zu Recht an ihrem Auftrag keinen Zweifel hatten. Erstens wusste niemand etwas von den Karteien, somit nicht von ihnen. Zweitens war jedermann damit einverstanden. Ich vergesse die semantische Beugung und hole sie nach: Niemand wusste davon, und niemand billigte es. Oder ähnlich. Man hat, in der Verteidigung der Karteispeicherung, mit der die schweizerische Rechte, ein pervertiertes Bürgertum aus dem Horrorkabinett einer abortierten Revolution von 1789, sich besorgt hervortut, einen freundlichen Zug der Eintragungen vergessen: Haustiere wurden nicht notiert. Kein einziger Hund, keine einzige Katze, kein Kanari der 900 000 findet sich mit einer Notiz. Wie gefährlich ist allein der Hund!, um Gogol zu variieren. Was sollen die Tiere von den Schweizern denken?

Man kann einen Staat nicht schuldigsprechen, man kann ihn nur sumpfigsprechen. Die nunmehr offenliegende Maghrebinisierung der Alpenrepublik vollzieht sich nach dem Gesetz des grossen Schlamms. Er ruht nicht nur und wirft Blasen, er weist durchaus Strömung auf. Die Dateien, die bereits unter Kopp, der Justizministerin, ungewusst da waren und von welchen später der Nachfolge-Justizminister nichts wusste, dienten, seien wir narzisstisch, neben der Lehrerzerstörung, der Journalistenzerstörung, der Gewerkschafterzerstörung auch der Künstlerzerstörung. Es sollten Gesinnungen aktenreif, Karrieren mit diesen Gesinnungen unmöglich gemacht oder erschwert werden. Der frühere Justizminister Friedrich formuliert es passend: „Dies war doch keine Gesinnungs-Schnüffelei.“ Der Baukasten zur Herstellung schweizerischer Wahrheit benützt stets den Negations-Ziegel. Was ist, ist nicht. Was nicht ist, ist. Bitte selber üben; es macht Spass.

Die Polit-Money-Schweiz, unterstützt von der Mehrheit ihrer eher polit- und money-losen Bevölkerung, beherrscht das Instrumentarium der Dissuasion aller Stimmen, die sich nicht im mainstream-Brei der bis aufs Mark abgelutschten – so kranken wie unzermürbbaren – Allüber-Koalition des herrschenden monopartito vernehmen lassen: Etwas Berufs-Erschwerung oder Verhinderung darf’s schon sein. Da einer Regierung, die siebzig Prozent aller Wählerstimmen vertritt, nichts eigentlich gefährlich werden kann, ergoss sich die Enttäuschung der Staatsschützer in die Registrierung eines ansehnlichen Segments dieser siebzig Prozent. Es sind vor allem die psychischen Folgen, die wir beklagen. Die Mehrheit der Schweizer, im Gegensatz zu Frau Kopp weniger intelligent und dumpfer triebgetrieben, hat das Aufgezeichnetwerden etwas erschrocken aufgenommen. Wenn die Rechten, so hört man, so weitertun, werden sie in zwanzig Jahren nicht mehr gewählt; dann handeln wir. Oder: Bislang hatten wir Vertrauen in unseren Staat, denn wir sahen und wussten nichts, nun aber sehen und wissen wir, und wir meinen, bald vertrauenslos zu werden. Schweizer, als Polit-Objekte, sind in ihrer überwiegenden Mehrheit irrwitzig. Sie halten sich für frei, sie glauben, per Dauer-Abstimmung mitregieren zu können, und sie beten es jederzeit in Jamben her. Eine aussterbende, getäuschte, aus verlorenen Alpenkönig und Menschenfeinden bestehende Rasse; sie gehört, schon aus Naturschutzgründen, auf einer Zoo-Tafel verzeichnet. Darum vielleicht gibt es keine Aufzeichnungen über Haustiere in den Karteiblättern. Auf den meisten müsste stehen: „Ist ein schweizerisches Kalb. Muht müdelaut. Wartet auf den Abend.“