Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im März

Wahnsinn, haben Ostberliner gestammelt, als sich am 9. November die Mauer öffnete. „Wahnsinn“ haben auch Christdemokraten, und nicht nur sie, herausgestoßen, als sich am Sonntag abend die schier unglaublichen ersten Prognosen über das DDR-Votum zu bestätigen begannen. Mochten ihnen die Bäder in der immer größeren Menge der Landsleute drüben die Menschen und Verhältnisse dort so nahegebracht haben wie nie zuvor – unerforschtes und ein wenig unheimliches Terrain war der andere deutsche Staat für die Wahlkämpfer der CDU/ CSU dennoch geblieben. Nun aber erscheint er schon wie eingemeindet. Helmut Kohl hat auch die DDR für die Union erobert. Im Augenblick ist der Kanzler wieder der Größte.

Aber er zügelt seinen Triumph. Die Nagelprobe beginnt erst jetzt. Mit dem Satz, daß der Einigungsprozeß nun „ohne Hektik, aber mit Nachdruck“ in Gang gesetzt werden müsse, umschreibt Kohl die Gratwanderung, die ihm bevorsteht. Seine unausgesetzten Appelle an die Landsleute, an Ort und Stelle zu bleiben und weiter in ihre Betriebe zu gehen, sind ein anderer Ausdruck dafür. Seit Jahresbeginn sind schon wieder fast 150 000 gekommen. Das Wahlergebnis verstärkt den Zugzwang für Bonn wie für die neue Regierung in Ost-Berlin noch mehr. Werden nicht binnen Wochen die ersten, für alle spürbaren Schritte zur Einheit getan, wird der Strom der Übersiedler aufs neue anschwellen, auch wenn sie vom 1. Juli an nicht mehr auf ein erstes notdürftiges Lagerdach über dem Kopf und auf einige Zuwendungen rechnen können. Seit dem vergangenen Sonntag steht die DDR erst recht vor den Toren der Bundesrepublik, so oder so.

Über den Zeitplan ist sich der Kanzler mit der künftigen Ostberliner Regierung längst einig. Nach der Konstituierung der Volkskammer und der Regierungsbildung, spätestens bis Ostern, soll die Währungsunion zwischen den beiden deutschen Staaten ausgehandelt und möglichst noch vor dem 1. Juli eingeführt werden, begleitet von einer Wirtschafts- und, in den Grundzügen, Sozialunion. Gelingt dieser Dreisprung nicht, droht es augenblicklich zu schweren Verwerfungen zu kommen, mit Gefahren für die Stabilität der D-Mark, einem noch krasseren ökonomischen West-Ost-Gefälle, hoher Arbeitslosigkeit in der DDR und deren Ausbluten bis zum Kollaps.

Nicht zufällig spricht Helmut Kohl ein um das andere Mal davon, daß nun „endlich die Zahlen auf den Tisch“ müßten. Wie es damit bestellt sein wird, hat sich schon in den bisher drei Sitzungen jener deutsch-deutschen Kommission gezeigt, in der die Währungsunion strikt vertraulich vorbesprochen worden ist und ungeachtet des augenblicklichen Interims in Ost-Berlin weiter vorbereitet werden soll. Die Staatsschulden der DDR, genannt werden zwanzig Milliarden Dollar, sind viel höher, die Devisenpolster hingegen weitaus geringer als gedacht, wenn überhaupt noch vorhanden. Auch die Lieferverpflichtungen gegenüber der Sowjetunion und den anderen Staaten der bisherigen östlichen Wirtschaftsgemeinschaft RGW belaufen sich auf eine zweistellige Milliardensumme. Und was die internen Verhältnisse betrifft, so stecken die Staatsunternehmen der DDR tief in der Kreide.

Wie sich diese Belastungen berücksichtigen, regulieren und abtragen lassen, wenn die West-Mark die Ost-Mark ablöst, steht dahin. Um so mehr wird sich die Frage stellen, was beim Umtausch der auf 180 Milliarden Ost-Mark bezifferten Sparguthaben in der DDR geschieht – eine der zentralen Fragen für die meisten Menschen im anderen deutschen Staat. Zwar haben sich die Bonner Regierungspolitiker im Prinzip für eine Rate von 1 : 1 verbürgt. Aber wahrscheinlich werden zunächst erhebliche Differenzierungen nötig sein: wenn nicht ein paritätisches Einwechseln nur bis zu einer bestimmten Höhe, so doch mindestens ein zeitlich gestaffelter Umtausch.