Nur eine Sache der Musik ist der Rock nie gewesen. Schon damals, 1967 in Haight Ashbury, San Francisco, ging es um die Erfindung von Lebensstilen, auch wenn man das noch nicht so nannte. Der Student Jann S. Wenner, damals 21 Jahre alt, hatte das gespürt, als er das Rolling Stone-Magazin gründete.

Rock, das waren vor allem Leute: Janis Joplin und Mick Jagger, Bob Dylan und John Lennon, deren Gesichter, Körper, Gesten, Kleidung und Accessoires Versprechen waren einer neuen Zeit. Der Rolling Stone hat die Traume dieser Leute propagiert und kommentiert. Und bebildert. Wenner, heute mehr als doppelt so alt wie zur Gründerzeit des Magazins, hat 140 der „besten“ Photographien aus dem Rolling Stone in einem Buch vorgestellt.

Das Album der vergessenen oder vergötterten Stars beginnt mit Bob Seidemanns Bild einer nackten Janis Joplin, die, mit etlichen Perlenketten behängt, mit den Händen die Scham verbergend, etwas müde und glasäugig in die Kamera blickt. Die fünf Musiker der Grateful Dead hat der Photograph Herb Greene im tristen Eingang eines Bunkers zusammengepfercht. Mit steilen Zeigefingern bei ausgestreckten Armen tragen sie ihre Jugendlichkeit, ihren Dissens zur Schau. Und dann wieder Janis Joplin, photographiert von Jim Marshall, diesmal im Silberkleid, ein trauriges, aufgeschwemmtes Ungeheuer in der Tristesse des backstage, auf dem Schoß ihren Killer, den Southern Comfort.

Die Photographen waren anfangs beliebige Zulieferer, Reisende der Hippieszene, Freunde der Musiker, entflammte Teens und Twens. Aber der Rolling Stone erkannte die Macht der Bilder. Zu den ersten festen Photograph(inn)en des Magazins zählt Annie Leibowitz. Mit ihren klaren Studiobildern in einfachen Farben hat sie die visuelle Rockkultur entscheidend geprägt. Von ihr ist das Bild des fahlen Lennons, der sich nackt-embryonenhaft an die gleichgültig dreinschauende Yoko Ono klammert, eine Art asiatische Lorelei. Die Bildlegende datiert: 22. Januar 1981 – es ist der Erscheinungstermin; Lennon war schon tot.

Mit wachsender Professionalisierung gelang es den Rolling Stone-Photographen, die Rockkulur gleichzeitig zu vermitteln und kritisch zu befragen. Dabei wurde das Musikmagazin zunehmend politisch, bei rapide steigender Auflage und ständig verbesserter Druckqualität. Die Ausgabe vom 21. Oktober 1976 brachte das Portfolio The Family, 63 Portraits „der herrschenden Klasse Amerikas“, eine Arbeit des herausragenden Mode- und Portraitphotographen Richard Avedon.

Neben Reagan und Kissinger brachte der Rolling Stone auch andere celebrities, Filmleute wie Jack Nicholson und Steven Spielberg, Sportkanonen wie Mike Tyson und Arnold Schwarzenegger, Schriftsteller wie William S. Burroughs und Tom Wolfe.

Wolfe hat für das Buch ein Vorwort verfaßt. Im Gegensatz zu den Glamour-Stars der dreißiger Jahre, schreibt er, hätten die Rockstars seit den Sechzigern die Angst vor der Schäbigkeit, vor der Normalität abgestreift. Die alte Dualität von Elend und Reichtum sei außer Kraft gesetzt worden.