Nach den Wahlen in der DDR

Von Theo Sommer

Das Signal ist deutlich und unerwartet kräftig ausgefallen: Die Masse der DDR-Bürger will die deutsche Einheit, eine klare Mehrheit will sie ohne jeden weiteren Verzug. Dies erklärt den Ausgang der ersten freien Wahlen, die seit 58 Jahren zwischen Elbe und Oder abgehalten wurden – den hohen Sieg der CDUgeführten Allianz für Deutschland und die deprimierende Niederlage der seit Monaten favorisierten Sozialdemokraten. „Einheit gleich“ siegte über „Einheit später“.

Lothar de Maizière und seine Bonner Sponsoren hatten den schnellsten Weg zur Einheit versprochen, Ibrahim Böhme und seine westdeutschen Patrone für einen „nachdenklichen Weg“ plädiert. Die ungeduldige Mehrheit entschied sich fürs Tempo. Wer wollte sie nach vierzig vertanen, verlorenen Jahren schelten? Ihre Ungeduld kam dem rechten Lager zugute. Die angebotene Nachdenklichkeit aber empfand das Gros der Wähler als Zögern, ja Ausweichen vor dem nun Möglichen und Nötigen. Hinzu kam die verwirrende Doppelstrategie der Sozialdemokraten. Willy Brandt ging mit vaterländisch segnender Gebärde durchs Land, doch vermochte er die Stammtisch-Rabulistik nicht vergessen zu machen, mit der Oskar Lafontaine, inzwischen SPD-Kanzlerkandidat, in Westdeutschland zur gleichen Zeit Sozialneid weckte. Vor patriotischer Überheblichkeit hätte er ja mit gutem Grunde warnen können; statt dessen appellierte er an die Instinkte des Spießbürgers. In Ostdeutschland konnte die Haltung des Saarländers nur als Solidaritätsverweigerung verstanden werden.

Vielleicht war die Niederlage der Sozialdemokraten sowieso unausweichlich – einfach weil die Menschen in der DDR den verständlichen Drang verspürten, sich erst einmal soweit wie möglich von allem abzusetzen, was bis vor fünf Monaten noch ihr Leben beherrschte und vergällte: dem realen Sozialismus des SED-Regimes. Nicht nur der stalinistischen Entartung erteilte die Mehrheit diesmal eine Absage, sondern überhaupt jeglicher Spielart des Sozialismus, auch der demokratischen.

Beharrlichkeit und Umsicht

Dem Drang zum Gegenteil ist auch das bittere Scheitern jener Bürgerbewegungen zuzuschreiben, ohne deren Beherztheit es nie zum deutschen Herbst 1989 gekommen wäre. Ihre Zivilcourage, ihre Entschlossenheit, ihre Gesinnung garantieren ihnen ein Ruhmesblatt in der Geschichte unserer Nation. Ihr Versuch freilich, aus den Ruinen des realen Sozialismus das lautere Bild des idealen Sozialismus zu retten, war in diesem Augenblick aussichtslos. Aus Trümmern wachsen keine Utopien; Krisen sind die Stunde der Pragmatiker. Wie ja überhaupt die Urheber revolutionärer Umwälzungen selten deren Vollstrecker und Nutznießer sind: Revolutionen verschlingen gemeinhin ihre Väter und Mütter. Gleichwohl wirken deren Gedanken fort, sei es auch nur im schlechten Gewissen der Praktiker.