Ein Werbeprospekt verspricht „Urlaub fürs Gemüt“: In Clausen, einem „der schönsten deutschen Orte“, erwarte den Kurgast „die Ruhe des Waldes, der frische Duft grüner Wiesen“ und „eines der romantischsten Gewässer überhaupt“. Doch seit zwei Wochen steht es um „die beschauliche Anmut unserer dörfl chen Idylle“ schlecht. „Etwa 70 Journalisten und ein rundes Dutzend Kamerateams fielen in die 1600-Einwohner-Gemeinde nördlich von Pirmasens ein“, berichteten Reporter der Regionalzeitung Rheinpfalz. Anlaß der „Medien-Orgie“: Am Nachmittag hatte in Bonn der Bundesverteidigungsminister bestätigt, daß in Clausen 400 Tonnen Chemiekampfstoff lagern – genug, um die Bevölkerung ganz Europas zu vergiften.

In der Vergangenheit war über die Verhaltnisse in Clausen nur wenig bekanntgeworden, eine Mauer des Schweigens umgab die amerikanischen Depots. 1981 berichtete das Fernsehmagazin Monitor erstmals über das Giftgas, das seither dreißig Kilometer südlich von Clausen in Fischbach vermutet wurde. Da seien „bestimmte Kräfte“ am Werk, deutete der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, der Unionspolitiker Werner Marx, an. Sein Parteifreund Bernhard Vogel, damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, präzisierte: Hinter den „Gerüchten“ stecke „Radio Moskau“.

Statt der Touristen kamen nun Demonstranten nach Fischbach. Mehr als hundert von ihnen wurden nach Sitzblockaden verurteilt – was dort hinter Stacheldraht gelagert wird, wissen sie noch heute nicht. Der Bürgermeister Viernheims, das ebenfalls als Chemiewaffenstützpunkt ins Gerede gekommen war, bat vergeblich um Aufklärung. In dem Luftkurort Ludwigswinkel, auch dort wurde Giftgas vermutet, fanden prominente Rüstungsgegner keine Unterkunft. Die Atmosphäre in der Pfalz war grundlich vergiftet, als im Dezember vergangenen Jahres der Spiegel geheime Abzugspläne für die Chemiemunition und eine Reihe von Anhaltspunkten veröffentlichte, nach denen die amerikanischen Geheimwaffen nicht in Fischbach, sondern bei Clausen lagerten – die Behörden schwiegen weiter.

Nun, endlich, würde sich die Geheimnistuerei rächen, würde vor laufenden Kameras der lang aufgestaute Volkszorn über die Politiker hereinbrechen – die versammelten Medienleute durften gespannt sein. Wie das Giftgas Mitte der sechziger Jahre nach Clausen gebracht wurde, wie es wirke, erwähnten die Referenten von Militär und Regierung vorsichtshalber nicht – nur wie es weggeschafft würde: während der Sommermonate an geheimen Tagen, auf geheimen Strecken, vielschichtig verpackt, streng bewacht und vor allem: „sicher“. Dann schimpften aufgeregte Burger in Mikrophone, das Publikum pfiff und johlte, Blitzlichter flackerten, Kameras schwenkten. Ein Reporter der tageszeitung fühlte sich „an die Erstürmung der Stasi-Zentralen“ erinnert.

„Das waren Auswärtige“, beteuert Bürgermeister Berthold Schäfer, als müßte er seine Gemeinde in Schutz nehmen. „So Eklige“, schimpft die Rentnerin Olivia Nothof, „Friedensapostel und Grüne“, ereifert sich ihr Mann, die hätten nur stören wollen. Ganz besonders haben sich die beiden über einen Satz eines jungen Mannes geärgert, den Nachbarn auf Video festgehalten haben: „Herr Minister Geil, Ihnen glaubt hier, glaube ich, kaum noch jemand.“

Für die versammelten Journalisten hatte der junge Mann offenbar den richtigen Ton getroffen – vielleicht, weil er einer von ihnen war. Eric Neumayer, Zivildienstleistender im dreißig Kilometer entfernten Zweibrücken, war an diesem Abend für Biß, eine neue Zeitung im Saarluxraum, unterwegs. Als er sprach, glaubte der taz-Reporter zu hören, „was viele hier denken“. Nüchterner zitierte die Nachrichtenagentur Associated Press, was „in einer Bürgerversammlung“ ein „junger Mann den Politikern und Militärs“ zurief. Im Lokalfernsehen war der bissige Satz zu hören, auch die ortskundigen Reporter der Rheinpfalz erwähnten den zornigen jungen „Clausener“.

„Man hat die Sensation gesucht“, vermutet Franz-Georg Kast, der Pfarrer des Dorfes – „aber die Sensation war nicht da.“ Ihm, der Massenvernichtungswaffen „antichristlich und widergöttlich“ nennt, wäre es wohl recht, wenn seine Gemeinde aufgebracht reagiert hatte. Doch „die Mehrheit der Leute lebt einfach damit“, bedauert der Pfarrer. Er selbst vertraut auf den Beistand Gottes – und dem Können der Waffentechniker. In der Lokalzeitung ist der Querschnitt eines Geschosses abgebildet. „Da sitzt der Zünder“, zeigt Kast, „der braucht eine Temperatur von 100 bis 260 Grad, und wo soll die denn herkommen?“ Selbst wenn der Transport mit einer Panzerfaust angegriffen würde, könne nichts passieren – so hat es den Clausenern ein Generalmajor der Bundeswehr erklärt.