Von Esther Knorr-Anders

Drei Männer empfingen mich, jeder von origineller Gemütsart. Sie waren berufserfahrene, mit den Betriebsamkeiten eines bestimmten Milieus bestens vertraute Verbrechensbekämpfer und somit prädestiniert als Mitarbeiter in einer „Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle“.

„Leichtsinn“ lautete unser Thema. Die drei Gesprächspartner variierten es geradezu künstlerisch. Zunächst wurde die heutige „Beschaffungsmentalität“ der bürgerlichen Welt unter die Lupe genommen. Wir müssen eben alles haben, was das Auge sieht. Wir wollen aber auch alles zeigen, was wir besitzen. Das war schon immer von Übel, denn es stimuliert die „Beschaffungsmentalität“ der Ganoven. Auch sie wollen alles haben, nur schneller und müheloser als die redlichen Arbeitsamen. Daß in unserer wohlhabenden Republik in jedem Haushalt mitnehmenswerte Gegenstände stecken, weiß jeder Gauner. Wie er an die Dinge herankommt, ist Sache seiner Geschicklichkeit und – sofern er einer Bande angehört – Sache seiner Ausbildung.

Zuverlässige, wenn auch unfreiwillige Helfer sind ihm alle vertrauensseligen Bürger. Er schätzt sie als „Leichtmacher“ seiner Bereicherungsunternehmungen. Tagtäglich fleht er zum Himmel, sie mögen so bleiben, wie sie sind: mit offenen Herzen, Türen und Fenstern. Dankbarkeit empfindet der Einbrecher jenen gegenüber, die den Schlüssel unter dem Fußabstreifer oder im Blumentopf neben der Eingangstür deponieren. Diese Verstecke kennt er. Seine Mutter hinterließ dort den Schlüssel. Es gibt viele solcher umsichtiger Mütter.

Hand aufs Herz, wer schließt schon jedesmal die Wohnungs- und Haustür ab, wenn er „nur um die Ecke“ zum Einkaufen geht? In „fünf Minuten“ ist man zurück. Gut, es werden zwanzig Minuten. Aber das kann doch nicht willkommener Anlaß sein, durchs offenstehende Küchenfenster zu krabbeln und sich der Silberbestecke zu bemächtigen. Sichdich empört reagierte eine Hausfrau, die aus der Gemeinschaftswaschküche in ihre Wohnung zurückkam. Die Tür hatte sie angelehnt gelassen, jetzt stand sie sperrangelweit offen. Ein Blick zum Garderobenhaken belehrt die Frau, daß Ledermantel und Photoapparat verschwunden waren. Nie wieder zöge sie in ein Großhaus; Diebesgesindel wohne hier, vertraute sie der Nachbarin an. Jene bezog die Äußerung auf sich. Die Folge war Feindschaft. Ostentativ krachten die Türen, sobald man sich begegnete.

Appelle an die Hilfsbereitschaft sind fester Bestandteil des Repertoire gewiefter Gaunerinnen. Meist treten sie mit Kind an der Hand auf und sind zudem schwanger. Daß die Schwangerschaft aus einem Stopfkissen besteht, läßt sich mit bloßem Auge nicht feststellen. Die „werdende Mutter“ kalkuliert dies ein. Sie klingelt an irgendeiner Parterrewohnung. Öffnet eine ältere Frau, läuft die Inszenierung beinahe schematisch ab. „Darf ich Ihre Toilette benutzen? Ich bin schwanger, Sie wissen doch, wie das ist“.

Egal, ob die Seniorin Kinder geboren hat oder nicht, ihr mütterlicher Beschützersinn wird gefordert und die „Werdende“ hereingebeten. Sie verzieht sich ins WC. Währenddessen hüpft das Kind durch die Zimmer. Hier glänzt ein Fünfmarkstück, da ein Ring, eine Brosche. „Tante, du wohnst so schön“, schmeichelt der Ganovennachwuchs. Das freut die Seniorin. Erst geraume Zeit später entdeckt sie den Verlust. Vor gleicher Erfahrung bleibt selbst ein Mann nicht gefeit. Auch er – oder gerade er – fällt auf die Finte der „Werdenden“ herein. Die hilfeheischende Aussage, „ich bin schwanger, Sie wissen doch, wie das ist“, muß ihn naturgemäß konsternieren. Verdattert weist er den Weg zur Toilette. Der begabte Nachwuchs hat indessen die Brieftasche auf dem Rauchtisch entdeckt. Sie verschwindet im Hosenlatz, gegebenenfalls im Schürzenröckchen. Nie wieder wird dieser Mann sich mit schwangeren Frauen einlassen. Für herumspringende Sprößlinge bringt er kein Verständnis auf.