Der 24. Januar 1990 bescherte den Ehemännern und Ehefrauen dieser Republik eine frohe Botschaft, den Junggesellen aber Kümmernis: Unter der Überschrift „Wer heiratet, lebt gesünder“ brachten auflagenstarke Zeitungen eine Nachricht aus der Wissenschaft. Amerikanische Fachleute wurden zitiert, denen zufolge die Singles wegen ihres angeblich ungeordneten Lebenswandels eine „deutlich geringere Lebenserwartung“ hätten. Ein „Dr. John Lynch von der Universität Maryland“ habe außerdem festgestellt, daß bei Geschiedenen die Krebsrate „zwei- bis viermal höher“ läge als bei Verheirateten, die zudem dreimal seltener an Herzinfarkt sterben.

Die Ehe als Wunderelixier: Da mögen die Ehegatten sich zanken, mit den Folterinstrumenten des Psychoterrors einander quälen, sich kaltschnäuzig abkanzeln – es scheint das kleinere Übel zu sein im Vergleich zum Streß, den die ungebundenen Junggesellen erleiden, die womöglich nur tun, wozu sie Lust haben. Klar, daß sie mit einem kürzeren Leben zu bestrafen sind.

Man mag aus der moralischen Engstirnigkeit des Puritanismus heraus diese These für richtig halten; wissenschaftlich ist sie indessen unhaltbar. Selbst wenn die empirischen Daten stimmen, ist die Aussage falsch, denn hier wurden aus schlichten Korrelationen kausale Zusammenhänge phantasiert, als sei das Ursprungsrätsel von Henne und Ei (womöglich zugunsten des Hahns) gelöst.

Offenbar haben sich Journalisten mal wieder einseifen lassen. Denn so mancher Blödsinn, der in den Zeitungen steht, ist bloß das Abbild dessen, was Forscher und Experten kundtun – und wissenschaftsgläubige Journalisten weiterreichen wie die Meßknaben die Hostie.

Gelegentlich ist es Wichtigtuerei, die den Wissenschaftlern die Zeitungsspalten öffnet: etwa bei der von Experten ausgegebenen Warnung vor abstürzenden Satellitentrümmern, wobei auf jegliche Wahrscheinlichkeitsrechnung verzichtet worden war; oder bei der vor zwei Wochen publizierten Forschererkenntnis: „Das erste Kind hat es schwerer“, einzig, weil es das älteste ist.

Manchmal verbirgt sich hinter dem Expertentum ein geschäftliches Interesse, so etwa hinter der kürzlich publizierten Empfehlung, man solle Vitamin B 15 möglichst täglich einnehmen, denn ein „Dr. Allan Cott“ in New York habe dieses Vitamin sehr erfolgreich „bei Drogentherapien und gegen Depressionen“ eingesetzt. Auch dieser Spuk dürfte mehr als eine Million Leser heimgesucht haben.

In wachsendem Maße sind es aber interne Kontroversen in der scientific Community über den Einsatz und die Folgen der Technik, die zu einem Informationschaos führen. An der Universität Gießen legte die Naturwissenschaftlerin Eva-Christiane Rumpf eine Dissertation vor, die sich mit der Entstehung wissenschaftlichen Sensationsmeldungen in den Massenmedien befaßte. Frau Rumpf wählte als Beispiel die sogenannte Mammographie-Kontroverse, die Anfang der achtziger Jahre in der Bundesrepublik hohe Wellen schlug. Der Sachverhalt: Der Chef der strahlenbiologischen Abteilung der Gießener Universitätsklinik, Ludwig Rausch, sprach sich damals gegen die routinemäßige Röntgenuntersuchung der weiblichen Brust als Methode der Krebsfrüherkennung bei Frauen unter fünfzig Jahren aus – und löste damit eine Gegenkampagne vornehmlich der Nuklearmediziner aus.