Von Christian Wernicke

Ost-Berlin, im März

Ibrahim Böhme sucht Halt in seiner Niederlage. Hans-Jochen Vogel, sein westdeutscher Amtskollege als SPD-Vorsitzender, legt gravitätisch beide Arme auf die hängenden Schultern des Verlierers, spricht Beileid und Beistand aus: „Ibrahim, du mußt jetzt ruhig und stark sein.“ Eben haben die ersten Trendmeldungen einen haushohen Sieg der konservativen Allianz angekündigt; die Sozialdemokraten auf der fortan schalen Wahlparty im Saalbau Friedrichshain sind erschüttert. Nicht einmal ein Viertel aller Stimmen haben die Wähler für sie übrig gehabt.

Im Schock flüchtet sich Böhme in die jüngste Vergangenheit: „Nach 162 Tagen sind 22 Prozent doch ein Erfolg“, spricht er sich und seinen Freunden lächelnd Mut zu. Dieser Rückgriff auf die politische Stunde Null, auf die heimliche Parteigründung im Oktober vergangenen Jahres wird später vor den Mikrophonen der Reporter zu einem seiner Standardsätze an diesem Wahlsonntag. Er drückt, bewußt oder unbewußt, das Selbstgefühl der jungen Sozialdemokraten aus. Die SPD erwuchs aus dem Widerstand gegen SED und Stasi – jetzt befindet sie sich wieder in der Opposition, diesmal gegen Kohl in Bonn und die Konservativen in Berlin.

Entsprechend schnell, klar und einstimmig wies der Parteivorstand am Montag morgen die Avancen der Allianz zurück, mit den geschlagenen Sozialdemokraten eine große Koalition zu bilden. Knappe drei Minuten stellte sich Böhme anschließend der Presse, um den Beschluß mit matter Stimme von einem losen Blatt Papier abzulesen. So wortkarg gab er sich nie zuvor. Kurzer Dank für die Aufmerksamkeit, dann der Rückzug in die Rungestraße. Im sechsten Stock dieses düsteren Klinkerbaus schlich er über klebriges Linoleum zurück in sein kahles Büro. Er, der in der Nacht nach der Wahl „kein Auge zugetan hat“, sucht in diesem Moment wieder die Nähe seiner Freunde. Mit ihrer scheinbar endgültigen Absage an alle Koalitionsspekulationen haben die Sozialdemokraten erst einmal Zeit gewonnen, sich nach der Niederlage einen Freiraum zu schaffen. Langsam und unter sich kommen sie nun zur Besinnung.

Die Suche nach den Gründen für den jähen Absturz vom Olymp der potentiellen Regierungspartei auf harte 87 Oppositionsstühle in der Volkskammer begann am Wahlabend kurz nach 18 Uhr. Vorstandsmitglied Steffen Reiche verbarg seine Verbitterung nicht, griff mit bleichem Gesicht gar zur Wählerschelte. „Die Leute wählen hier immer das, wovor sie Angst haben: erst vierzig Jahre SED und jetzt eben Kohl.“ Während die Jazz-Kapelle einen tragenden Blues anstimmte und andere Vorstandmitglieder ihre Enttäuschung am kalten Buffet hinunterschluckten, wuchs sich die vage Ahnung der letzten Tage zur Gewißheit aus. In einem Wahlkampf, der zuletzt die PDS als Anwältin sozialer Ängste und die Allianz als Advokaten der schnellen Einheit sah, ging die SPD mehr und mehr unter. Alle hatten sie den letzten Umfragen, welche die SPD immer als stärkste Partei sahen, glauben wollen. „Aber wirklich getraut habe ich ihnen nie.“ Sabine Leger, als Dresdner Kandidatin mit nicht einmal zehn Prozent der Stimmen gescheitert, gestand, daß sie vor zwei Wochen nach einer längeren Reise durch Thüringen und Sachsen alle Hoffnungen hatte fahrenlassen. Allein, in der letzten Wahlkampfzeitung hatte die SPD die 44-Prozent-Prognose noch abgedruckt.

Im Endspurt des Wahlkampfes konnte die SPD der aggressiven Aufholjagd der Allianz nichts mehr entgegensetzen: „Wir hätten Tausendmarkscheine verteilen müssen, um Kohl zu bremsen“, klagt ein Berater aus dem Westen und zuckt hilflos mit den Schultern. Auch daß sich Ibrahim Böhme in den letzten Tagen widerwillig dazu durchgerungen hatte, den Bonner Regierungschef als „meinen eigentlichen Gegner“ direkt zu attackieren, nützte nicht. „Helmut Kohl hat nicht unsere friedliche Revolution gemacht“, rief er noch am Samstag in der Rostocker Fußgängerzone, als spürte er nicht längst, daß die SPD-Verdienste im revolutionären deutschen Herbst nicht mehr ausreichten, um an diesem warmen Frühlingssonntag, dem 18. März, beim Wähler noch anzukommen. Die Sozialdemokraten, nach vierzig Jahren Sozialismus auch in den Industrieregionen Sachsens oder im einstmals roten Thüringen ohne Heimat und Wurzeln, bauten auf ihre ehrenvolle, kurze Vergangenheit – und unterlagen den Versprechungen der CDU, die lauthals einen schnellen Sprung in eine satte Zukunft verhießen.