Die Reformer in Budapest zahlen heute die Rechnung für den Gulaschkommunismus

Von Michael Reitz

Die neue Fabrikhalle am Rande des kleinen Dorfes Kecel in Mittelungarn könnte auch in einem westdeutschen Industriegebiet stehen: die Wände in Pastellgrün gestrichen, Topfpflanzen zwischen den nagelneuen Maschinen. „Hier macht die Arbeit Spaß, obwohl sie viel Konzentration erfordert“, meint der 29jährige László Radványi, der die computergesteuerte Drehmaschine aus der Bundesrepublik bedient: „Und was noch wichtiger ist: Ich verdiene fast doppelt soviel wie früher.“

Vor mehr als vier Wochen hat László Radványi den Dienst in einer staatlichen Werkzeugmaschinenfabrik quittiert. Jetzt arbeitet er „beim Pinter“. Ein Name, der in Ungarn zum Symbol geworden ist. József Pinter ist Ungarns bekanntester Privatunternehmer. Jahrelang hatten ihn die Behörden schikaniert – noch 1987 mußte er 42 Werkskontrollen über sich ergehen lassen. Doch heute wird er hofiert. Im Oktober vergangenen Jahres weihte Ministerpräsident Miklós Németh selbst Pinters neue Fabrikhallen ein. Nemeths Worte: „Tausend Unternehmer wie Sie braucht das Land.“

Der gelernte Werkzeugmacher Pinter hatte 1979 in einem kleinen Schuppen mit drei Mitarbeitern begonnen. Heute arbeiten 350 Angestellte in einer hochtechnisierten Produktionsstätte: Sie drehen Achsen für die bundesdeutsche Autoindustrie, produzieren in der Präzisionsgießerei Metallformen und konstruieren Ziehbänke für den staatlichen Stahl- und Maschinenbau. All das reicht dem 45jährigen József Pinter noch lange nicht. Lässig sitzt der Chef im knallroten Ledersessel und plant die Zukunft: „Demnächst baue ich ein Einkaufszentrum, danach eine Hotelkette. Bald gibt es einen diversifizierten Pinter-Konzern.“

Gut zwei Autostunden entfernt von den Pinter-Werken liegt Pécs. Die Stadt an der Grenze zu Jugoslawien, auf deutsch Fünfkirchen, ist durch den Bergbau reich geworden. Uranerz- und Steinkohleminen ziehen sich rund um die Stadt. Insgesamt arbeiten mehr als 12 000 Kumpel in den Gruben – vorerst noch. Denn zumindest die Uranerzbergwerke des staatlichen Mecseker Erzbergbau-Unternehmens sollen bis zum Herbst geschlossen werden. Verluste fährt der Erzbergbau schon seit zehn Jahren ein, zuletzt rund 2,4 Milliarden Forint – etwa 80 Millionen Mark. Das liegt zum einen an dem Preisverfall für den Atombrennstoff Uran. Zum anderen wurde der Erzabbau selbst immer kostspieliger, weil immer tiefer gelegene Schichten erschlossen werden müssen. Jahrelang hatte die Regierung alle Verluste des Unternehmens ausgeglichen, um die Arbeitsplätze der Kumpel nicht zu gefährden. Nun gilt das alte sozialistische Dogma von der Arbeitsplatzgarantie nicht mehr. Die Regierung Németh verkündete trotz heftiger Proteste die Schließung des Bergwerks.

Durch diese Entscheidung werden 6500 Bergleute arbeitslos. Eine Abfindung bekommt nur, wer länger als vierzehn Jahre in den Gruben gearbeitet hat – das trifft gerade auf ein Drittel der Belegschaft zu. Der Rest – mehr als 4000 Kumpel – wird leer ausgehen. Neue Arbeitsplätze in staatlichen Betrieben wird es für die Bergleute nicht geben. Die Regierung empfiehlt ihnen, sich in Dienstleistungsbranchen selbständig zu machen. „Was die sich vorstellen – sollen denn 6500 Kumpel plötzlich Blumen- oder Bratwurstverkäufer werden?“ fragt Hauer János Farkas bitter. Er selbst will sich trotzdem als Unternehmer versuchen. Womit? „Vielleicht in meinem alten Beruf als Handschuhmacher.“ Kollege Gyula Andrassy will als Bergarbeiter ins Ausland. Wohin? „Das weiß ich nicht.“ Ernö Nemes will keines von beiden. Was sonst? „Wahrscheinlich arbeitslos.“