Nach dem Ölboom setzt Venezuela jetzt verstärkt auf den Tourismus

Von Monika Putschögl

Kühn und kraftvoll schwingt sich mit einem weitausholenden Anlauf die 8678 Meter lange Spannbetonbrücke über die immer noch strombreite Verengung, die den gewaltigen Maracaibo-See vom Golf von Venezuela immer Tief unten im Wasser ruht der Reichtum des Landes, das Erdöl, das aus der Kleinstadt Maracaibo eine hochhausbespickte geschäftige Metropole gemacht hat, die zweitgrößte Venezuelas. Am faszinierendsten wirkt sie in den Minuten, in denen der schwindende Tag eine rosaschimmernde Tapete hinter die Silhouette der Wolkenkratzer zaubert und bald darauf Schwärme kleiner Lichter wie Glühwürmchen auf dem nachtschwarzen See tanzen – die Lampen der Fischerboote.

Die Rundreisegruppen landen nicht in Maracaibo, um diese Manifestation des venezolanischen Erdölbooms, diese betongewordene Erinnerung an die siebziger Jahre, zu bestaunen, als Venezuela seine hybriden Hoffnungen auf das schwarze Gold aus der Tiefe in die Höhe schießen ließ, sie nehmen das brütendschwüle Maracaibo als kaum beachteten Stützpunkt, um rund sechzig Kilometer weiter zur Lagune von Sinamaica zu pilgern, dorthin, wo das koloniale Venezuela seinen Anfang nahm und seinen Namen bekam.

"Klein-Venedig", "Venezuela", tauften, mutmaßlich entzückt, die spanischen Eroberer den Landstrich an der karibischen Küste Südamerikas, sobald sie der Pfahlbauten in der Lagune ansichtig wurden. Heute brausen Touristenboote, angetrieben von Außenbordmotoren und überspannt von zusammengeflickten Stoffetzen zum Schutz gegen die sengend heiße Sonne, über das dunkle Wasser, in dem tote Baumstämme dümpeln und Blüten wie kleine Inseln schwimmen. Gigantische Bäume, deren Kronen sich in dichtem Grün umschlingen und deren Stämme sich in ein Dschungelgeflecht verästeln, säumen das Ufer. Schwarze Vögel sitzen wie auf Aussichtsposten auf abgestorbenen Zweigen.

So mögen es auch die spanischen Entdecker gesehen haben. Aber ein Vergleich mit Venedig käme ihnen heute sicher nicht mehr in den Sinn. Traurig, verrottet, armselig hocken die kleinen Holzbuden auf ihren Pfählen, selbst Farbe gibt ihnen keinen fröhlichen Anstrich, bunte Tonnen und Wellblechverschläge flankieren die Hütten, hin und wieder kleine Garteninseln mit saftigen Bananenstauden und Palmen, die sich unter der Last ihrer Kokosnüsse neigen. Hunde paddeln neben den Häuschen, Kinder planschen zwischen den Pfählen. Trotzdem, der Eindruck bleibt – ein Slum im Wasser.

In Venezuela stößt der Reisende auf scharfe Gegensätze: sonnendurchglühte, weiße Strände an der über 2800 Kilometer langen karibischen Küste, schneeweiße, fast 5000 Meter hohe Bergspitzen in der Sierra Nevada de Merida, undurchdringlicher, bis heute nicht gänzlich erforschter Tropenwald in der urzeitlichen Landschaft des Guayanaschildes und der faszinierende Moloch Caracas, wo sich der Reichtum in parkähnlich gepflegten Villenarealen, in chic herausgeputzten Einkaufszentren, in straßenkreuzerüberfluteten Autobahnen und monumentalen Wolkenkratzern spiegelt, während in den verfallenden Hütten der ranchos die Armen vegetieren.