Immer wieder von Gewinnmitnahmen unterbrochen, hat sich der Deutsche Aktienindex (Dax) nahe an seinen bisherigen Jahreshöchststand vom 6. Februar herangearbeitet. Nach den Prognosen der meisten Banken steht ein neuer Höhenflug bevor. Begründet wird dies nach wie vor mit den Chancen, die der deutschen Wirtschaft aus der Öffnung im Osten erwachsen. Nirgends seien die Aussichten mittel- und langfristig so günstig wie in der Bundesrepublik, heißt es bei den in- und ausländischen Analysten.

Die Sorgen wegen der hohen Zinsen sind etwas in den Hintergrund getreten, obgleich die Unsicherheit in dieser Hinsicht anhält. Als Störfaktor haben sich an der Aktienbörse indes die Ereignisse in Litauen in den Vordergrund geschoben. Sie ließen zumindest die Kaufaktivitäten schrumpfen, so daß Verkäufe des Berufshandels zumindest vorübergehend zu begrenzten Rückschlägen geführt haben.

Auch die Ausländer hielten sich zurück. Das gilt selbst für die Japaner, von denen gesagt wird, daß sie ihr Interesse an deutschen Aktien noch längst nicht verloren haben. Wenn die japanischen Investoren gleichwohl seit einigen Tagen nicht mehr als Käufer erschienen sind, so führen Experten dies auf das Ende des japanischen Fiskaljahres zurück. Im neuen Monat, so wird vorausgesagt, werden die Japaner wieder einen wesentlichen Beitrag zur – erhofften – Fortsetzung der deutschen Aktienhausse leisten.

Auch die deutschen Investoren verfügen offenbar über hohe Barreserven. Dafür spricht zum Beispiel die hohe Zeichnungsbereitschaft bei Kapitalerhöhungen, etwa bei Volkswagen oder bei Allianz. Der Allianz-Kurs war kurz vor Beginn des Bezugsrechtshandels sprungartig angestiegen – eine Reaktion auf den Einstieg in das staatliche Versicherungsmonopol der DDR, gegen den die Konkurrenz in der Bundesrepublik Sturm läuft.

Überhaupt spielt die sogenannte „Deutschland-Phantasie“ nach wie vor in den Börsensälen eine große Rolle. Mit Interesse verfolgen die Anleger Ausarbeitungen der Kreditinstitute, die über Chancen informieren, die sich einzelnen deutschen Unternehmen bei einer Wirtschafts- und Währungsunion eröffnen. In der – Spitzengruppe der „Nutznießer“ sehen viele Analysten zum Beispiel Preussag, und zwar in der Hauptsache wegen der kürzlich einverleibten Salzgitter AG, die allein schon vom Standort her Vorteile für sich geltend machen kann. Auch der Kursanstieg der Spar-Aktie geht auf DDR-Phantasie zurück. Es wird damit gerechnet, daß die Spar AG sich sehr rasch auf Kooperationen mit den bisher staatlichen Handelsorganisationen einigt, die mit Waren eingedeckt sein müssen, wenn der Tag der Währungsunion gekommen ist. K. W.