In der Debatte um den künftigen Sitz der deutschen Regierung taucht neben Bonn und Berlin vereinzelt auch der Name Frankfurt auf. Als Argument für die Stadt am Main wird, von der Vereinigten Linken in der DDR ebenso wie von Hessens CDU-Ministerpräsident Walter Wallmann, deren demokratische Tradition – Stichwort Paulskirche – angeführt. In Frankfurt selbst werden solche Vorschläge mit Genugtuung registriert, doch die Träume der dortigen Geschäftswelt gehen in eine ganz andere Richtung. Man möchte gar nicht die Kapitale des neuen Deutschlands werden, sondern viel lieber Hauptstadt. des großen Geldes – und zwar für ganz Europa.

Für die anderen europäischen Finanzplätze sind die Ambitionen der Mainstädter eine unverhohlene Kampfansage. Besonders die Broker und Banken an der Themse fühlen sich bedroht. Bisher galt die Londoner City in Europa als unbestrittenes Zentrum für den Handel mit Geld, Wertpapieren und Rohstoffen. Der Stadt bescherte das Steuereinnahmen und Arbeitsplätze. Doch durch die Neuordnung im Osten droht London an die Peripherie zu rutschen. Frankfurt hingegen profitiert von der wachsenden Wirtschaftskraft eines vereinten Deutschlands (siehe auch Seite 23).

Hinzu kommt, daß die Frankfurter schon seit einiger Zeit gezielt aufrüsten, um den Londonern einen Teil ihres Geschäftes abzujagen. Dazu gehört neben dem Aufbau eines elektronischen Börsensystems auch die Errichtung einer eigenen Terminbörse, obwohl noch nicht einmal die bereits bestehenden Terminbörsen in Europa voll ausgelastet sind.

Als alarmierend wird jenseits des Kanals gewertet, daß nach dem 9. November einige Stammkunden der Londoner Börse, insbesondere Japaner, nach Frankfurt abwanderten. Äußerungen wie die des deutschen Vorstandsvorsitzenden der Citibank, Günter Rexrodt, er sehe gute Chancen für Frankfurt, London vom Spitzenplatz in Europa zu verdrängen, tun ein weiteres. Und der Oberbürgermeister Volker Hauff schürt das Feuer, wenn er ohne jede Rücksicht auf die Gefühle der Nachbarn prophezeit, daß Frankfurt für Europa das wird, was New York für Nordamerika bedeutet. Hinzu kommt, daß die europäische Zins- und Währungspolitik heute sowieso schon von Frankfurt aus, dem Sitz der Deutschen Bundesbank, gesteuert wird. Sogar für die geplante europäische Notenbank steht am Main bereits ein Bauplatz bereit.

Trotz seines großen Vorsprungs fällt London im Kampf um die Vormachtstellung auf dem europäischen Kapitalmarkt kontinuierlich zurück. Das hängt zweifellos mit dem anhaltenden Widerstand Margaret Thatchers gegen eine volle Integration in das Europäische Währungssystem (EWS) zusammen. Indes richtet sich die Wut vieler Gentlemen vor allem gegen die Deutschen. So werden von der Themse aus Gerüchte verbreitet, wonach deutsche Großbanken unter riesigen Verlusten litten. Als die unsauberen Rentengeschäfte eines DG-Bank-Mitarbeiters aufflogen, nutzten einige das angeschlagene Image des deutschen Marktes aus, um immer neues Salz in die offene Wunde zu streuen. Bundesbankchef Karl Otto Pöhl sei zurückgetreten, hieß es in London, und sofort wackelten die Börsenkurse. Ein anderes Gerücht malte gar die bevorstehende Zahlungsunfähigkeit eines namhaften Frankfurter Kreditinstituts an die Wand.

Aber von deutscher Seite wird auf gleichem Niveau zurückgeschossen. Londoner Brokerhäuser stünden vor einem enormen Aderlaß, wird da kolportiert, sie hingen bis über den Scheitel in amerikanischen junk bond-Pleiten, oder sie hätten sich mit japanischen Optionsanleihen schlimm verspekuliert. Manchmal ist an solch häßlichen Meldungen auch ein Fünkchen Wahrheit, doch die meisten Enten quaken nur kurze Zeit, oft nur Minuten. Das reicht jedoch aus, um die Geschäfte des Gegners zu stören und sein Ansehen zu schädigen.

Hinter dem Krach mit London steckt eine neue Strategie der früher viel zurückhaltenderen deutschen Banken. Noch vor kurzem hegten und pflegten sie die acht Provinzbörsen, die zwar international kaum mithalten konnten, dafür aber die regionalen Wirtschaftsräume der Bundesrepublik stärkten. Der Handel wurde schön säuberlich auf diese acht Börsen verteilt. Frankfurt gebührte zwar der erste Platz, aber zwei Stunden Öffnungszeit reichten, um alle Geschäfte bequem abzuwickeln. Die Frankfurter Börse besaß nicht einmal ein eigenes Telephon, sondern begnügte sich mit einer Nebenstelle der Industrie- und Handelskammer.