Von Joachim Nawrocki

Berlin, im März

Auch wer die fast täglich wechselnde Geographie der Grenzübergänge nicht im Kopf hat, kommt leicht nach drüben. Es geht einfach durch die bröckelige Mauer, etwa am Böttcherberg in Berlin-Wannsee: Hier und dort fehlt eine Platte, ein Schritt nur, und man ist auf dem ehemaligen Todesstreifen. Dahinter die Zweitmauer, auch sie hat Löcher, dann auf einem Trampelpfad, drei DDR-Grenzer sagen freundlich "Mahlzeit".

Die Mauer ist Vergangenheit, und eine der ersten Verordnungen der neuen DDR-Regierung sollte es auch nach Meinung vieler Ostberliner Politiker sein, dieses Bauwerk ersatzlos abzureißen.

Viel schädlicher sind Bodenspekulationen und Gerüchte über die Übernahme ganzer Wohnquartiere, Handelsketten und Gastronomiebetriebe durch westliche Firmen. "Da muß es endlich schnell bindende Aussagen der neuen Regierung geben", sagt ein Volkskammer-Abgeordneter, "wir brauchen einen breiten Mittelstand in der DDR und nicht riesige Einkaufszentren in westlicher Hand. Auch deshalb muß die Regierung jetzt schnell gebildet werden."

Das wird, nach dem jetzigen Fahrplan, noch vor Ostern geschehen. In der kommenden Woche soll die Volkskammer, die von früher 500 auf 400 Abgeordnete verkleinert wurde, zum ersten Mal zusammentreten. Dann werden die Fraktionen von CDU, Demokratischem Aufbruch (DA) und Deutscher Sozialer Union (DSU) Lothar de Maiziere zum Ministerpräsidenten vorschlagen, und der wird seine Regierung bilden. Bis dahin, so heißt es bei der CDU, bleibt das Koalitionsangebot an die SPD bestehen; es sei ihre Sache, ob sie es annehme.

Die Gespräche gehen auch in dieser Woche noch weiter. Für die SPD führt sie Markus Meckel, nachdem der Parteivorsitzende Ibrahim Böhme seine Funktionen bis zur Klärung der Behauptung, er habe mit der Stasi zusammengearbeitet, niedergelegt hat. Lothar de Maizière haben die gleichen Vorwürfe eher zu einer gegenteiligen Reaktion veranlaßt. Nachdem er aus vorwiegend privaten Gründen lange gezögert hat, ob er sich das Amt des Ministerpräsidenten aufbürden solle, hat die Verdächtigung, auch er habe mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet, ihn zwar tief getroffen und erschüttert, aber dann seine Entscheidung beschleunigt. Denn jedes weitere Zögern hätte wie ein Zurückweichen gewirkt.