Lassen sich das gesellschaftliche, das wirtschaftliche und das politische System der DDR und der Bundesrepublik überhaupt auf einen Nenner bringen? Gäbe es nicht die deutsche Literatur – voran der Autoren aus der DDR, der ausgewanderten und der drüben Gebliebenen –, würde man zweifeln. Da es aber eine deutsche Literatur gibt, müßte auch eine deutsche Verfassung möglich sein. Immerhin versuchen sich daran schon seit Monaten Sachverständige, die besten Köpfe hier und drüben. Hier zwei der harten Nüsse, die sie zu knacken haben.

Das DDR-Gesetz vom 9. 3. 1972 über die Unterbrechung der Schwangerschaft lautet im Paragraph 1 Absatz 2: „Die Schwangere ist berechtigt, die Schwangerschaft innerhalb von 12 Wochen nach deren Beginn durch einen ärztlichen Eingriff in einer geburtshilflich-gynäkologischen Einrichtung unterbrechen zu lassen.“

„Mein Bauch gehört mir“ – der Wutschrei einer begabten Journalistin aus den sechziger Jahren: Die DDR-Gesetzgebung hat die Botschaft zu ihrer Sache gemacht. Erstaunlich, daß darüber im Wahlkampf jetzt fast gar nicht gesprochen wurde. Denn in der Bundesrepublik wird um das Recht der Frau (und manchmal auch des Erzeugers) gestritten, oft in schlimmer Form. Mir hat das Leben eine Entscheidung erspart: Ich war nie in einer Lage, in der die Abtreibung ein Problem gelöst hätte. So tue ich mich leicht zu sagen, daß ich die Abtreibung in der Tat für die Tötung eines Lebens halte, straffrei nur in Ausnahmefällen.

Aber die gesellschaftliche Entwicklung ist in unserem Lande über diese Meinung hinweggegangen: Die überwiegende Zahl der Frauen in der Bundesrepublik beansprucht die freie Verfügung und weiß sich dabei moralisch im Recht. Da bewirken Verbote nur schädliche, manchmal tödliche Umgehungen. Die betroffenen Frauen, denen eine klare Lösung wie in der DDR versagt wird, halten uns für unehrlich und brutal. Und man kann das verstehen. So redlich wir es meinen: Wir richten nur noch Schaden an. Daher kapituliere ich und würde dem Bonner Gesetzgeber raten, sich für den wiedervereinigten Staat der DDR-Lösung anzuschließen.

Aber wie? Da wird Kohl es schwer haben. Versucht er, unsere Lösung durchzusetzen, bringt er 99 Prozent der ostdeutschen Frauen gegen sich auf, und er muß an die kommenden Wahlen in der DDR denken. Weicht er aber der DDR-Lösung, bringt er die CSU gegen sich auf. Und die katholischen Bischöfe sowie viele der evangelischen Geistlichen, deren redliche Überzeugung er verletzen würde.

Die Lösung – ich sehe sie nicht; im Westen hat man lange Zeit, darüber nachzudenken. – In wenigen Monaten, fast sogar in Wochen, jedenfalls vor der Währungsumstellung, muß aber entschieden werden, was aus dem „Arbeitsgesetz“ der DDR werden soll.

Im Artikel 24 der DDR-Verfassung heißt es: „Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation.“