Eine Woche nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen rumänischen Nationalisten und Angehörigen der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen ist die Lage zwischen den verfeindeten Volksgruppen weiter gespannt. In der Nacht zum Sonntag steckten Unbekannte die Bukarester Filiale der ungarischen Fluggesellschaft Malev in Brand. Am folgenden Tag kam es in der Hauptstadt zu neuen antiungarischen Demonstrationen.

Der Konflikt hat historische Wurzeln: Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gehörte Siebenbürgen zum Königreich Ungarn. Noch heute sind 1,7 Millionen Menschen im 23-Millionen-Staat Rumänien ungarischer Abstammung. Bis sich das Ceauşescu-Regime in den achtziger Jahren immer nationalistischer gebärdete, hatte die größte ausländische Volksgruppe gegenüber der einheimischen Bevölkerung Autonomie-Rechte genossen. Ihr nach dem Sturz des Diktators gegebenes Versprechen, den Magyaren die alten Privilegien wieder einzuräumen, hat die regierende Front der Nationalen Rettung bisher nicht eingelöst.

Die blutige Straßenschlacht im siebenbürgischen Tirgu Mures, die sieben Tote und über dreihundert zum Teil Schwerverletzte forderte, hatte sich an der Forderung ungarischer Studenten nach einem eigenständigen Bildungswesen entzündet. Nur das Eingreifen von Armee-Einheiten mit Panzern verhinderte ein Massaker.

Vertreter der ungarischen Minderheit sehen die extrem nationalistische Bewegung Vatra Romaneasca als eigentliche Urheberin der Unruhen an. Mitglieder des aufgelösten Geheimdienstes Securitate und kommunistische Altfunktionäre, von denen die Organisation unterwandert ist, hätten ihre Landsleute mit chauvinistischen Parolen aufgehetzt, um die innenpolitische Lage in Rumänien zu destabilisieren.

Der Front der Nationalen Rettung kommt der wieder aufflammende Nationalitätenkonflikt äußerst ungelegen. Denn gerade die Haltung in der Minderheitenfrage, so heißt es in Bukarest selbstkritisch, wird vom Ausland als Prüfstein für den Willen zur Demokratisierung angesehen.

Das späte und anfangs halbherzige Eingreifen der Armee in Tirgu Mures hat Spekulationen genährt, die Machthaber setzten im eröffneten Wahlkampf auf die Karte des Nationalismus. Auch die Tatsache, daß die Securitate, die immer noch Angst und Terror verbreiten kann, in die Unruhen verwickelt ist, bringt die Regierung in Mißkredit.

Ministerpräsident Petre Roman hat die Gefahr erkannt: Während er zunächst die „Anschluß-Politik“ Ungarns beklagt hatte, entschuldigte er sich jetzt unter dem Eindruck der Verurteilung durch die internationale Öffentlichkeit bei der ungarischen Regierung für die „bedauerlichen Exzesse“. J.A.