Auch wer den kategorischen Imperativ unserer Kulturdebatten, den Verblüffungszwang, kennt; wer das Kaleidoskop des rasenden Allürenwandels unter Intellektuellen für eine plausible Einrichtung hält, weil jede, auch die sterilste Aufgeregtheit ein Abfuhrventil braucht, damit es nicht zum Hirnschlag der Kultur komme; selbst der steht doch fassungslos vor der Begeisterung, mit der heute einige Vordenker nicht bloß ihre alten Ideologien konfiszieren, sondern prompt gegen neue austauschen.

Daß "unser System der Marktwirtschaft" den Sozialismus besiegt habe, das singt uns die Heilige Allianz für Deutschland von Kohl bis de Maizière derzeit als allnächtliches Schlaflied vor. Habeat und Amen. Unbedingt als Ruhestörung kommt aber jener Mißton der Beflissenheit daher, in dem seit Wochen ein Chor emeritierter Linksintellektueller dem politischen Lied das Echo beistellt: mit einer Laudatio auf die Segnungen des westlichen Wirtschaftssystems.

Varianten gibt’s natürlich. Die schlichteste ist diese Woche im Spiegel zu lesen. In einem "Essay" empört sich Hellmuth Karasek über Otto Schily, der am Abend des 18. März die dominante Motivation der DDR-Wähler taktlos und zutreffend mit dem prägnanten Symbol der Banane gekennzeichnet hatte. Diesen "Bananen-Patriotismus" müsse man, sagt Karasek, aber "preisen", denn seine Helden seien "gesunde Egoisten", und Herr Schily, der Porschefahrer, habe gut reden. Ganz offenbar wollte nämlich Schilys SPD nichts anderes als die bananenlose, die schreckliche Zeit für die DDR um weitere vierzig Jahren verlängern; und daß man sich außerdem noch ein paar andere, sozusagen staatsbürgerliche Wahlmotive – sagen wir ökologischer oder liberal-republikanischer, kurz aufgeklärterer Natur – gewünscht hätte und solche zum Beispiel in dem Fremdenhaß der "gesunden Egoisten" nicht recht zu finden vermag, das will Karasek nicht in den vielleicht ein wenig zu heftig geschüttelten Kopf.

Eine Ton- und Denklage höher wird das Preislied des "gesunden Egoismus" im Märzheft des Merkur gesungen. Cora Stephan entdeckt unter der Spitzmarke "Schmutziges Interesse?" das "Menschenfreundliche am Eigennutz", nämlich die von tausend Köpfen zuvor entdeckte, seit Bernard de Mandevilles "Bienenfabel" von 1705 millionenfach wiedergekäute und inzwischen sozusagen restlos ausgespuckte altliberale Ideologie: Wenn jeder seine egoistischen Ziele verfolge, werde das öffentliche Interesse am besten gefördert. Anders, nämlich unmittelbar, dürfe das "öffentliche Wohl" dagegen nicht zum politischen Argument gemacht werden. Das sei eine naive und gefährliche "Moralisierung der Politik". Politik solle aber nichts anderes sein als das Verfahren der Kompromißfindung zwischen divergierenden Interessen.

Da dieses Argument seit Wochen in allen Tonfällen des pseudowissenschaftlichen Jargons kursiert, sei es hier als das gekennzeichnet, was es ist: die platteste, falscheste, naivste Ödigkeit, die derzeit sub signo theoriae zu haben ist. Schon die einfache, aber meist ignorierte Unterscheidung zwischen individueller Handlungs- und Institutionen-"Moral" macht das deutlich: Das Rechtssystem etwa, als politisches Kernstück der letzteren, ist ohne Fundierung in ethischen Prinzipien nicht einmal begrifflich konzipierbar.

Wichtiger ist dies: Transponiert man die Maxime des "gesunden Eigennutzes" von der zwischenmenschlichen Ebene auf die zwischenstaatliche der internationalen Verkehrsformen, dann hat man vielleicht so etwas wie ein empirisches Faktum, aber auch einen der Gründe für das heulende Elend der Welt: Jede Stunde sterben 1500 Kinder an Hunger; jeden Monat erhöht das Weltwirtschaftssystem die 1500 Milliarden Dollar Schulden der Dritten Welt um weitere 7,5 Milliarden. Wenn es wahr ist, daß allein dem westlich-kapitalistischen System des "gesunden Eigennutzes", das an diesem Szenario kräftig beteiligt ist, die Zukunft gehört, dann könnte sie der Menschheit als letzte große Aufgabe die des anständigen Untergangs stellen. Und noch diese wäre eine moralische.

Reinhard Merkel