Wie oft, wenn kreative Menschen sich in der Sackgasse fühlen, fällt ihnen als Erlöser die Wissenschaft ein. „Kann man“, hatte der Photograph Sasha Stone die Leser des Kunstblattes 1928 gefragt, „heute noch photographieren?“ Heute noch! Doch weil er meinte, daß „alles, was geht und steht, bereits von oben nach unten, breit und schmal, quer und hoch photographiert worden“ sei, suchte er nach dem Ausweg, bemängelte dabei „das geringe Vorhandensein von Entdeckungen auf dem Gebiete der Lichtstrahlwissenschaft“ und forderte die „optische Wissenschaft“ auf, das zu ändern.

Als Stone das schrieb, hatte er sich erst gut vier Jahre lang in diesem Metier umgetan und doch erstaunlich schnell großen Erfolg gehabt. Er arbeitete für illustrierte Blätter gewohnlicher und feiner Art, war Erwin Piscators Bühnenphotograph in Berlin, hatte sich, als ihn das scheinbare Einerlei der Lichtbildnerei anzuöden schien, in die Photomontage geflüchtet, auch wenn er ahnte, daß diese „krampfhafte Angelegenheit“ noch kaum den Namen Kunst verdiene.

Sasha Stone? Er ist einer der einmal sehr bekannt gewesenen Unbekannten, die die photographische Sammlung des Museums Folkwang in Essen (nach Aenne Biermann und Ewald Hoinkis) aus der Versenkung geholt hat und – nach Essen – auch in Berlin, Hamburg, Antwerpen und Bremen präsentieren wird. Der Künstler, 1895 in St. Petersburg unter dem Namen Aleksander Sergej Steinsapir geboren, hatte in Warschau Elektrotechnik studiert, eine – später aus Angst vor den Folgen rechtzeitig vernichtete – elektrische Kanone erfunden, sich dann in New York mit Malerei, Bildhauerei und Kunstschmiede abgegeben (und den Namen Stone angenommen), war als Kriegsfreiwilliger 1917 nach Europa gekommen, dort geblieben und – wissenschaftlich interessiert, technisch und ästhetisch begabt – Photograph geworden. Er hatte ein nüchternes, noch im Poetischen um Sachlichkeit bemühtes Auge.

Zu seinen Reportagethemen gehörten Kraftwerke, der Einsteinturm, physikalische Vorgänge (wie der Funkensprung eines Blitzableiters), auch Gegenstände des Alltags, zugleich die bildende Kunst, das Theater und das Varieté. Seine Portraitierten zeigt er mit persönlichen Beigaben und in Umgebungen, die sie charakterisieren, der nackte Körper interessierte ihn als Kunstwerk. Und er versuchte sich in Doppelbelichtungen. Hier wie in seinen Montage-Bildern bemerkt man die unruhige Hoffnung, aus der Abbildnerei heraus- und der Kunst (wieder) nahezukommen, also: den Bildinhalt selber zu schaffen und zu komponieren. So mischte er in witzigen Klebebildern Berlin mit Konstantinopel und New York, verlegte es ans Meer und in die Alpen. Und war doch stets am besten da, wo es auf den Blick und die fixe Reaktion ankommt, in der Reportage. Endlich weiß ich, wie Krücke, der legendäre Sportpalast-Stammgast beim Sechstagerennen in Berlin, ausgesehen hat. (Museum Folkwang bis 29. 4., danach in Berlin 18.5.-15.7., Hamburg 1. 8.–7. 9., Antwerpen 20.9.- 28. 10., Bremen 30.11.-16.1.91; Katalog 37 Mark) Manfred Sack