Nein, sagt die Freundin, dieses Haus hier kann nicht das Haus der Frau von Stein sein, denn das war, als ich vor ein paar Jahren hier stand, gerade sehr schön restauriert und gestrichen.

Nein, sagt der Direktor der Kunstsammlungen zu Weimar, was da an den Wänden der Galerieräume herunterbröckelt, ist kein Salpeter, die Kunstwerke sind nicht gefährdet, nur das Schloß muß restauriert werden.

Wie ungern hat man recht, diesmal. Denn der langgestreckte, eingerüstete Bau, dessen dem Ilm-Park zugewandte Rückseite an der Straße namens Ackerwand liegt und dessen Anstrich nur noch die schattenhafte Erinnerung an eine Farbe ist, war natürlich der Wohnsitz der so standhaft verstimmten Freundin. Und was man in einigen Galerieräumen im Schloß sieht, ist von heutigen konservatorischen Standards wohl ebensoweit entfernt wie die Um vom Trinkwasser: Heizspiralen, auf deren Gitterkästen verkalkte Wasserwannen aus Zink stehen (in einem anderen Ausstellungszusammenhang hätte man sie für Installationen von Joseph Beuys halten können); hinter Glas gesetzte, verschiedenfarbige Neonröhren (nein, keine mißlungene Arbeit von Dan Flavin); Verwerfungen an der Wand und bröckelnder Putz gerade auch in den Erdgeschoßräumen, wo die fragilsten und kostbarsten Werke der Sammlung untergebracht sind: spätmittelalterliche Skulpturen, Altäre sowie Bilder von Dürer und Cranach, alle aus oder auf Holz, das besonders gefährdet ist durch Wechsel der Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

Keine Gefahr für die Kunst? Schon die Frage ist Rhetorik. Denn warum sollte in einer Umgebung, wo zu gewissen Tageszeiten das Atmen beschwerlich wird und auch die Natur stellenweise so aussieht, als sei eine Restaurierung überfällig, warum sollte ausgerechnet hier die Kunst einen Sonderstatus haben? Daß ein solcher in Weimar aber andererseits durchaus möglich und erkennbar ist, sieht man rasch, wenn man vor oder in einem Haus steht, das zu den „Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur“ gehört. Diese Gedenkstätten, rund dreißig in und um Weimar, haben nicht nur am Ort die Priorität, sie werden auch finanziell von Berlin abgesichert. Sie sind oder werden hervorragend erhalten, gepflegt und strahlen etwas von jener inspirierten Macht des Geistes aus, die die jungen Leute von Weimar (als Herzog Carl August Goethe 1775 nach Weimar lockte, war er 18 Jahre alt, seine Mutter Anna Amalie, die den Plan unterstützte, eine Witwe von 36 Jahren, Goethe selber 26 Jahre alt) beflügelt hatte: das Goethe-Haus am Frauenplan, das Gartenhaus, das Schillerhaus, die kleine Tiefurter Sommerresidenz, die Dornburger Schlösser zum Beispiel.

Kein Schritt in Weimar ohne Goethe und die Folgen, und natürlich ist auch die Existenz der Kunstsammlungen in ihren heutigen Dimensionen und Konturen eine Folge von Goethes Aktivitäten. Seit dem 16. Jahrhundert hatten die Weimarer Herzöge, wie andere gekrönte und ungekrönte Oberhäupter vor und nach ihnen auch, Kunst und Kostbarkeiten aller Arten gesammelt, aber erst durch Goethes Initiative wurden die Sammlung ausgebaut und vor allem 1809 das Kleine Museum eröffnet und somit Teile des herzoglichen Kunstbesitzes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Im Jahr 1869 zogen die Sammlungen um in das von dem Prager Architekten Joseph Zitek erbaute Großherzogliche Museum (das seit 1918 dann demokratisch schlicht Landesmuseum hieß), einen ziemlich monumentalen Bau, von dem heute nur noch eine Ruine übrig ist, keine Kriegsruine, sondern, eine traurige Spezialität der DDR, eine Arbeiter- und Bauernstaatsruine. Die Kunstsammlungen aber sind gewissermaßen an ihren alten Ort zurückgekehrt, in das Schloß, das, nachdem es 1774 bis auf die Mauern niedergebrannt war, von dem jungen Architekten Heinrich Gentz (an der Spitze der Baukommission stand, naturgemäß, Goethe) wieder aufgebaut worden war.

Die „drittgrößte Galerie“ und eines der „eindrucksvollsten und reichsten Kunstmuseen der DDR“ beherberge das Weimarer Schloß, heißt es im Brockhaus-Stadtführer. Wie auch immer solche superlativischen Maßeinheiten entstehen mögen: Die sichtbaren und unsichtbaren Weimarer Bestände addieren sich zu einer Sammlung, deren Reiz und Einzigartigkeit gerade darin bestehen, daß sie das Spektrum und die Spielarten der Kunst der unterschiedlichsten Zeiten und Gesinnungen umfaßt und nicht den Galerien-Geist neutraler Wohlanständigkeit verbreitet.