Lahn-Dill-Kreis

Gebrauchte Windelhöschen brennen gut. Sie gehören zu denjenigen Müllfraktionen, die für ein anständiges Feuer im Verbrennungsofen sorgen. Was macht also ein Kommunalpolitiker, der nicht nur mit Worten gegen die Müllverbrennung zu Felde zieht, mit den weggeworfenen Zellstoffeinlagen? Er zeigt, daß man sie auch kompostieren kann. Dem sozialdemokratischen Umweltdezernenten im hessischen Lahn-Dill-Kreis, Karl Ihmels, kommen dabei zwei Seiten entgegen: ein großer Windelproduzent, der sein Image verbessern will, und die überquellenden Mülleimer vieler Eltern von Kindern im Wickelalter. Die Kosten für den soeben angelaufenen Kompostierungsversuch zahlt die Windelfirma. Die Proben liefern rund 4000 Sprößlinge aus dem Kreisgebiet, die rund 120 000 Höschen beisteuern. Ort des Großversuchs ist das kreiseigene Recyclingzentrum, wo die Windeln zusammen mit Laub und Gartenabfällen in die Kompostierungsanlage gesteckt werden. Eine der acht computergesteuerten Rotteboxen, auch „Biozellenreaktoren“ genannt, ist für den Probelauf reserviert.

Zuerst werden die Windeln zerkleinert und mit einem Ventilator grob von dem zerfetzten Kunststoffträger befreit. Anschließend wird die Masse aus Zellstoff und Verdauungsrückständen im Verhältnis eins zu zehn mit dem Biomüll vermengt. Das erste sogenannte Verrottungsstadium wird nach den bisherigen Erfahrungen mit der Anlage bereits nach ein bis zwei Wochen erreicht sein. Denn was in der Küche (in puncto Zeitersparnis) der Mikrowellenherd, ist auf dem Kompostplatz der „Biozellenreaktor“. Auf sogenannten Mieten reift der Rohkompost acht Wochen lang der Vollendung entgegen. Zum Schluß wandert der Mulch durch ein Sieb, das die letzten Kunststoffteile herausfiltert.

Über sechs Millionen Windeln landen täglich in bundesdeutschen Mülltonnen. Den Anteil am Hausmüll schätzt Umweltdezernent Ihmels auf rund drei Prozent. Die zeitgemäße Wickelmethode beschert den Herstellern in der Bundesrepublik pro Jahr einen Umsatz von 800 Millionen bis 900 Millionen Mark, so heißt es jedenfalls bei einem Unternehmen in Schwalbach im Taunus, das hierzulande fast die Hälfte der Einwegwindeln verkauft.

Mit dem Test in Hessen will man ergründen, ob die Windelkompostierung tatsächlich ein eleganter Weg der Entsorgung ist. Kritiker bezweifeln das unter Hinweis auf die zinkhaltigen Wundsalben, mit denen die Kinderpopos eingecremt werden. Mit Spannung erwarten Experten Anwort auf die Frage: „In welcher Menge findet sich dieses Schwermetall im Kompost wieder?“

Werner Bidlingmaier vom Institut für Abfallwirtschaft an der Universität Stuttgart und zugleich Vorsitzender der Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. dämpft die Erwartungen: Obwohl die Salbenhersteller mit der Herstellung von Ersatzstoffen begonnen hätten, finde man immer noch „traumhafte Zinkwerte“. Proben im Jahre 1989 ergaben zwischen 900 und 4600 Milligramm Zink pro Kilo getrockneter Windelmasse. Bidlingmaier meint, die Kompostierung sei nicht der richtige Ansatz. Der Stuttgarter Abfallexperte, der sich seit zehn Jahren mit dieser Frage befaßt, beruft sich unter anderem auf einen Kompostierungsversuch seines Instituts in Zusammenarbeit mit der Stadt Heidelberg.

Wie auch immer der Versuch, dessen Ergebnisse im Herbst vorliegen sollen, ausgeht – Bidlingmaier bleibt bei seinem Vorschlag: zurück zu den waschbaren Baumwolltüchern. Dabei brauchten sich Vater und Mutter nicht, wie früher, selbst die Hände an den Ausscheidungen ihrer Wickelkinder schmutzig machen. Jedenfalls dort nicht, wo findige Leute einen Windelservice anbieten. Bei den immer beliebter werdenden Waschdiensten rotiert die Hose wie die Pfandflasche, nur in umgekehrter Richtung. Man erhält sie leer und gibt sie voll zurück. Wolfgang Polkowski