Amerika kommt mit dem Wandel in der Welt noch nicht zurecht

Von Dieter Buhl

Cambridge, Massachusetts, im März

Die Befürchtung, an den Rand des Weltgeschehens gedrängt zu werden, bringt in Amerika noch nicht die Massen um den Schlaf. Der mögliche Abschied von der Supermachtrolle beschäftigt vorerst bloß eine elitäre Minderheit. Zu lange und zu intensiv haben die Amerikaner die herausragende Stellung ihres Landes genossen, als daß sie sich plötzlich als Gleiche unter Gleichen oder als Primus inter pares vorstellen könnten. Der rasante Umbruch der alten Ordnung läßt ein neues Mächtemuster noch nicht erkennen. Abwarten heißt deshalb die Devise, auch wenn darin ein banges Ahnen mitschwingt.

Vor allem die Spannungen innerhalb des sowjetischen Imperiums dienen allen Harten als willkommener Vorwand, die vor den Herausforderungen des Wandels am liebsten die Augen verschließen möchten. Solange die östliche Gegenmacht keine verläßliche Auskunft über ihren künftigen Weg geben kann, so lautet das Argument, muß Amerika in Habtachtstellung verharren und auf seinen Führungsanspruch pochen. Im Nervenkrieg um das Baltikum sieht die Rechte ein klares Zeichen gegen jede voreilige Entwarnung. Gibt die sowjetische Führung dort nicht zu erkennen, daß ihr Machtanspruch und ihre Gewaltbereitschaft ungebrochen sind? Washingtons Mahnungen an die Adresse Moskaus – "Jeder Versuch, die Menschen in Litauen zu nötigen, einzuschüchtern oder gewaltsam gegen sie vorzugehen, wird zu einem Rückschlag führen" (Bush) – bezeugen die Beunruhigung.

Doch nicht alle Amerikaner lassen sich den Blick auf die neue Wirklichkeit durch die traditionellen Scheuklappen der Bipolarität verstellen. Diejenigen, die den ganzen Globus im Auge haben, entdecken ganz andere Sturmwolken am Horizont. Auf vielen Chefetagen wird ohne falsche Scham von den Schwachstellen der amerikanischen Wirtschaft geredet und die Stärke der ausländischen Konkurrenz gelobt. Die Medien wenden sich langsam ab von der gewohnten Nabelschau; was das Weiße Haus an Faszination verliert, gewinnen die Bruchzonen fernab des nationalen Blickfeldes. An den Universitäten wächst das Bedürfnis nach Wissen über den Evolutionsgürtel im gleichen Maße, wie das Interesse an den Standardseminaren über sicherheitspolitische Theorien schwindet. Nach vielen Jahren der Einkrümmung auf die eigenen Angelegenheiten mehren sich in der Öffentlichkeit die Zeichen der Aufgeschlossenheit gegenüber der Außenwelt.

Die amtliche Politik aber zeigt sich seltsam unberührt von den Dramen, die sich im großen Welttheater abspielen. Als Prototyp des gelassenen Zeitzeugen präsentiert sich George Bush. Ihn trifft bissige Kritik, weil er das Weiße Haus offenbar mehr als behaglichen Debattierclub denn als Kommandozentrale versteht; weil er zu folgen scheint, anstatt zu führen. Die Attacken hinterlassen indes wenig Eindruck, solange über achtzig Prozent der Wähler mit Bushs Amtsführung zufrieden sind.