Im Konflikt um Litauen entscheidet sich die Zukunft Gorbatschows

Von Christoph Bertram

Ausgerechnet Michail Gorbatschow, der große Reformer, schickt sich an, seinen ehrgeizigen Plan für die Modernisierung der Sowjetunion zu verspielen. Denn auf die trotzige Unabhängigkeitsforderung des kleinen Litauen hat er bisher vornehmlich eine Antwort parat: die Einschüchterung der Aufbegehrenden durch militärische Macht. Das alte Denken meldet sich mit dem Gerassel von Panzerketten zurück.

Gewiß, noch ist das alles nur ein Krieg der Nerven, nicht der Waffen. Sowjetische Einheiten rumpeln durch die litauische Hauptstadt Wilna, am Parlamentsgebäude vorbei. Militärhubschrauber werfen Flugblätter ab, auf denen die gewählte Führung des Landes der "gewaltsamen Machtergreifung" geziehen und zu Massenkundgebungen gegen die Loslösung von Moskau aufgerufen wird. Sowjetische Soldaten besetzen Gebäude und greifen sich litauische Deserteure der Roten Armee

Aber in einem Krieg der Nerven kann einer der Beteiligten auch leicht die Nerven verlieren. Ein einziger blutiger Zwischenfall bei einer außer Kontrolle geratenen Demonstration, Sabotage und tätlicher Widerstand gegen die plumpen Aktionen sowjetischer Militärs, Überaktion, die Überreaktion gebiert – nur zu schnell könnten die aufgestauten Ressentiments explodieren und die Ereignisse der politischen Kontrolle entgleiten.

Hilflose Reaktion

Zwar betont Gorbatschow, er suche weiterhin eine friedliche Lösung; Gewalt werde erst eingesetzt, "wenn das Leben anderer in Gefahr ist". Aber er tut bislang wenig, um diese Gefahr zu verringern. Wohl hat das winzige Litauen die große Sowjetunion herausgefordert. Das Land, das – wie Moskau inzwischen zugegeben hat – 1940 gegen alles Recht annektiert wurde, verlangt jetzt unter seiner ersten frei gewählten Regierung mit all der Unduldsamkeit der Gerechten Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht. Mit ihrer Unabhängigkeitserklärung vom 11. März haben die Litauer vollendete Tatsachen geschaffen. Seither tun sie so, als seien sie schon ein unabhängiger, souveräner Staat, obgleich sie doch wirtschaftlich und administrativ weiterhin mit der sowjetischen Zentralgewalt eng verflochten sind. Sie verlangen gar von Moskau Verhandlungen "auf neutralem Boden".