Die Deutschen sind hohen Mutes – nun, da Deutschland zusammenwächst. Wirtschaftlich sind wir ja bereits Export-Weltmeister, politisch gilt uns globales Interesse, und wissenschaftlich holen wir alljährlich einen Nobelpreis. Deutschgesinnte schmerzt es da ungemein, daß ausgerechnet unsere Sprache international an Bedeutung verloren hat.

In Brüssel etwa parlieren deutsche Beamte bevorzugt englisch oder französisch. Wissenschaftler äußern sich auf Konferenzen oder in Fachzeitschriften nur noch auf Pidgin-Englisch. Selbst Germanisten radebrechen in diesem Latein der Neuzeit. Eine Kapitulation vor dem "angelsächsischen Sprachimperialismus"?

Schon sind ganze Berufsgruppen wie Piloten und Fluglotsen linguistisch perdu, Teenager ordern Cheeseburger mit viel Ketchup und lassen sich, verkabelt mit dem Walkman, vom letzten Hit antörnen. Computerkids fachsimpeln über Chips, Hardware, Software und checken das Manual des neuesten Laptop. Deutsch ist out, so scheint es.

In dieser akuten germanistischen Not kommt die Mahnung der geschätzten Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zur rechten Zeit: "Die historische Stunde, Sprachbewußtsein und Sprachstolz wiederzubegründen, darf nicht ungenutzt verstreichen." Schließlich sei es "nicht einzusehen, daß in einer Zeit, in der sich – zumindest im alten Europa – das Nationalbewußtsein der Völker auf eine zivilisierte Art regt, ... die englische Sprache immerfort als ‚lingua franca‘ gelten soll". Dezent erinnert das Blatt daran, "daß vor 1933 Deutsch die Welt-Publikationssprache" für die Wissenschaften war. "Daran anzuknüpfen sollte – mit staatlicher Unterstützung – möglich sein".

Als Vorbild wird Frankreich mit seinem ungetrübten Sprachstolz gelobt. So verfügt die grande nation gleich über drei Instanzen zur Überwachung sprachlicher Reinheit: Neben der Academie Fran,caise das (dem Premierminister unterstellte) Commissariat General de la langue Française und schließlich den Minister für die Frankophonie, Alain Decaux. Was den Deutschen der Umweltschutz, ist den Franzosen ihr Sprachenschutz.

Minister Alain Decaux will künftig allen wissenschaftlichen Tagungen die öffentlichen Mittel streichen, wenn Französisch nicht Kongreßsprache ist. Damit das gallische Idiom korrekt erschalle, werden internationale Begriffe wie hardware und Software ersetzt durch materiel und logiciel. Das klingt entschieden französischer.

Wollen also auch wir künftig einen Minister für Germanophonie? Keine Zuschüsse mehr für Publikationen bewilligen, die einzig in englisch erscheinen? Demnächst nur noch von Rechnern statt Computern, von Hartware und Weichware reden, weil’s deutscher klingt?