Von Benedikt Erenz

Früher, das heißt vor langer, langer, langer Zeit, stiegen die Besucher Berlins am Potsdamer Platz aus ihren bunten Berolina-Bussen um auf ein hohes Aussichtsgerüst und schauten über die Mauer nach drüben. Japaner, Rheinländer, Amerikaner – auch Franzosen in geschmacklosem Freizeitdress – zeigten einander den Fernsehturm, die Kuppel des Doms, identifizierten mit etwas Mühe die Goldhelme der beiden großen Kirchen am Gendarmenmarkt und ließen den Blick durchs graugrüne Niemandsland streifen, wo Krähenschwärme grasten. Und wo ist..., fragte man einander, denn jemand hatte doch erzählt, man könne es von hier aus sehen, wo ist denn ... Und irgendwer zeigte dann auf einen flachen Hügel am gegenüberliegenden Rand des „Todesstreifens“, dort, wo wieder Stadt begann.

Ah, ja.

Kaum hatte die erste kleine Meldung die Zeitungsspalten erklommen, Gesamt-Berlins Obrigkeit denke eventuell wahrscheinlich möglicherweise über die Zukunft des kleinen flachen Hügels nach, klingelten bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung (und Umweltschutz!) auch schon die Telephone. Korrespondenten und Fernsehteams aus allerlei Weltteilen fragten hitzig an, ob es morgen schon losgehe, und wann sie da rein könnten. Berlin hat eine – vorerst allerdings noch unsichtbare – Sehenswürdigkeit mehr, eine Sehenswürdigkeit von, wie es scheint, geradezu globalem Interesse.

Eine Sehenswürdigkeit? Ein monströses Erbstück, und von all den Berliner Ruinen- und Trümmerbrocken aus jener tausendjährigen Zeit sicherlich der monströseste: der sogenannte „Führerbunker“ auf dem Gelände des ehemaligen Gartens der ehemaligen Reichskanzlei zwischen der ehemaligen Wilhelmstraße – heute Otto-Grotewohl-Straße – und der überraschenderweise immer noch existierenden Voßstraße.

Fünfzehn bis sechzehn Meter tief hatte man das zweistöckige Betonlabyrinth noch gegen Ende des Krieges in die Erde gegossen, da die Schutzräume unter der neuen Reichskanzlei den immer verheerender wütenden Bombenorkanen der alliierten Flugzeugstaffeln nicht gewachsen schienen. Der Bunker wurde in den letzten Wochen des „Dritten Reiches“ zum letzten Versteck seiner Chefs. Von hier aus vollendete der „Größte Feldherr aller Zeiten“ das Werk der Zerstörung, inszenierte er im Kreise seiner getreuen Militärs mit Geisterarmeen von Kindersoldaten das fahle Ende – bevor er sich selber mit Schäferhund Blondi und Ehefrau Eva am 30. April 1945 zu Staub machte. Sein Nachfolger, Deutschlands letzter Reichskanzler Dr. phil. Joseph Goebbels, überlebte ihn im Zimmer nebenan nur um einen Tag; nachdem seine Frau die sechs Kinder für immer zu Bett gebracht hatte, zerbissen sie beide die Zyankali-Kapsel. Auch der Generalstabschef des Heeres, Hans Krebs, und ein weiterer General nahmen sich kurz darauf im Bunker das Leben.

Nach dem Krieg wurde das ganze Areal auf Befehl der russischen Sieger abgeräumt. Mit dem unversehrt gebliebenen Marmor der Reichskanzlei verschönerte man, nach Moskauer Vorbild, einen nahebei liegenden U-Bahnhof und das heftig stalinsches Pathos ausdünstende „Sowjetische Ehrenmal“ in Treptow. Auch an den Bunkeranlagen sprengten die Räumtrupps herum, kamen aber nicht sehr weit. 1988 schließlich gab Ost-Berlin diesen Teil des ehemaligen Regierungsviertels endgültig zum Unterpflügen frei: Ein schmuckes Wohnviertel in Plattenbauweise (achtstöckig) sollte hier, wo die Hauptstadt der DDR ja zu Ende war, aus dem Boden gezogen werden.