/ Von Jutta Hartmann

Herztransplantationen bei Erwachsenen haben längst den Beigeschmack des Spektakulären verloren, Herzverpflanzungen bei Kleinkindern oder Säuglingen dagegen stoßen noch immer auf allergrößte Skepsis – nicht nur aus ethischen Gründen. Vielen erscheint es unvorstellbar und verantwortungslos, den empfindlichen Organismus eines Säuglings einem derart schwerwiegenden Eingriff auszusetzen. Und doch gibt es erste, erstaunlich positive Erfahrungen auf diesem Gebiet. Es meldet sich hier wieder einmal das kalifornische Loma Linda Hospital mit Dr. Leonard Bailey, der als als Wegbereiter im Bereich der Herzverpflanzungen gelten muß, obwohl er bereits mehrfach ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist: unter anderem mit dem heftig umstrittenen Versuch, dem Säugling Baby Fae das Herz eines Pavians zu implantieren.

Doch die Kalifornier verfügen inzwischen über die wohl größte Erfahrung mit Herztransplantationen bei Säuglingen: Seit Ende 1985 wurde dort 62 Babys ein Spenderherz implantiert, den meisten von ihnen im ersten Lebensmonat. Vierzehn der Säuglinge überlebten diesen Eingriff nicht, die übrigen 48 Kinder entwickelten sich normal und gelten als gesund. Mittlerweile hat die Zahl der Herztransplantationen bei Säuglingen im Loma Linda Hospital weiter zugenommen: Im vergangenen Jahr fand dort allwöchentlich eine solche Operation statt.

Noch bemerkenswerter als die erzielte Erfolgsquote ist eine grundlegende Erkenntnis: Bei Babys, die in ihren ersten dreißig Lebenstagen ein Spenderherz erhalten, reduzieren sich die gefürchteten Abstoßungsreaktionen des Immunsystems gegen das fremde Organ auf ein Minimum. Das ist von entscheidender Bedeutung, denn die oft lebensbedrohlichen Abwehrreaktionen des Immunsystems sind bei Herztransplantationen immer noch das größte medizinische Problem. Die notwendige Immunsuppression, um solche Abwehrreaktionen zu unterdrücken, erfordert bei älteren Kindern und Erwachsenen eine jahrelange medikamentöse Behandlung mit teilweise erheblichen Nebenwirkungen und Risiken. Neugeborene dagegen kommen mit einem wesentlich geringeren Maß an Medikamenten zur Immunsuppression aus. Dafür sorgt – so vermutet man im Loma Linda Hospital – das bei ganz jungen Säuglingen noch funktionierende „fetale Immunsystem“. Es soll vermutlich ein ungeborenes Kind davor schützen, daß mütterliches Gewebe – das sich deutlich vom eigenen unterscheidet – als körperfremd identifiziert und abgestoßen wird. Offenbar behält es diese Toleranz gegenüber Fremdem auch nach der Geburt noch eine Zeitlang bei.

Anpassungsfähige Herzen

Bestätigt werden die kalifornischen Erkenntnisse von Kinderkardiologen der Gießener Justus-Liebig-Universität – der Klinik in der Bundesrepublik, die bisher die meisten Erfahrungen mit Herztransplantationen an sehr jungen Säuglingen sammeln konnte. Sieben Babys und Kleinkindern wurden dort seit 1988 Spenderherzen implantiert, darunter auch Neugeborenen. Mit dramatischen Abstoßungsreaktionen hatten auch die Gießener keine Probleme. Im Gegensatz zu Erwachsenen und älteren Kindern kamen die Babys bereits nach wenigen Tagen mit einer medikamentösen Zweifachtherapie zur Immunsuppression aus und konnten nach wenigen Monaten auf eine Monotherapie in niedrigster Dosierung umgestellt werden. „Das hat den Vorteil“, sagt der Gießener Kinderkardiologe Heinrich Netz, „daß all die Probleme, die man von einer langjährigen Immunsuppression erwarten muß, weitaus geringer sind. Wachstum, geistige Entwicklung, das alles verläuft bei diesen Kindern entsprechend der niedrigen Medikation normal.“