Von Cornelia Filter

Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich in der Commedia dell’arte sicherlich den Pantaleone gespielt. Diese geizige, hinterhältige, bösartige Figur liegt mir am meisten“, sagt Gardi Hutter, die Schweizer Clownin. Sie ist 1,55 Meter klein mit glatten, blonden Haaren und einem etwas schiefen, offensichtlich selbst gekürzten Pony. Im alltäglichen Leben schminkt sie sich nicht und kleidet sich fast unachtsam; das Verkleiden behält sie sich für ihre Auftritte vor. Ihre Augen – das eine grün, das andere blau – verraten, daß auch Lautes, Schrilles in ihr steckt und „Eindeutigkeit“ ein Wort ist, das nicht zu ihr paßt.

Sie rülpst, gröhlt, säuft, schneidet auf wie ein Kerl. Sie stampft, trampelt, tritt und wütet wie eine Riesin im Zwergenland. Sie sticht, schießt, ficht und mordet wie eine Fremdenlegionärin. Fett und abgrundtief häßlich, dürr und abstoßend dämlich – das alles ist „die Clownerin“, wenn sie in ihre Rollen schlüpft, wenn die 36jährige Gardi Hutter aus der Kleinstadt Altstätten zur tapferen Waschfrau Hanna wird oder zur Hexe Faustina in „Abra Catastrofe“.

Die Wäscherin Hanna, die in ihrem düsteren Kellerloch gegen dreckige Männerunterhosen kämpft wie einst Don Quijote gegen die Windmühlenflügel, ist dumm, falsch, dick und dreist. Sie kann auch sanft und gutmütig sein, zart und anmutig. Die Hexe Faustina, die die Inquisition überlebte und sich mit ihrer Kumpanin Canidia (Minnie Marx) in einem Küchenschrank vom Sperrmüll versteckt, ist ausgekocht, grausam und intrigant – und mitleiderregend auch.

Wie alle guten Clowns liebt Gardi Hutter die Ambivalenz, das Spiel mit den Rollen, das im wirklichen Leben nur sehr kleine Kinder wagen.

In ihrem neuen Clownstück „So ein Käse“ spielt Gardi Hutter eine Maus und treibt dabei gemeinsam mit ihren Ko-Autoren Ferrucio Cainero und Mark Wetter die Vielschichtigkeit auf die Spitze.

Die Maus ist arm wie eine Kirchenmaus, eine Hungerleiderin, die im Abfall haust und sich in Lumpen hüllt. Sie ist eine Intellektuelle, die ihren leeren Magen mit Klassikern füllt und aus der Times Teebeutel faltet. Sie ist Astronomin und betrachtet durch ein Ofenrohr-Teleskop ihr Lieblingsstudienobjekt: einen überdimensionalen Käse, der verlockend in der Falle baumelt. Und sie ist Historikerin, weil sie die Geschichte ihrer Ahnen erforscht, die allesamt Opfer dieser Falle wurden. Das ist die eine Seite der Maus.