Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im März

Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört, auch bei der deutsch-deutschen Parteitaktik. Auf die völlige Okkupation des Wahlkampfs in der DDR folgt die Übertragung bisher bundesdeutscher Rivalitäten und Konflikte. Daß der Streit unter den Grünen über einen Flirt mit der PDS die alte Auseinandersetzung zwischen Fundis und Realos widerspiegelt, ist nur eine kuriose Randerscheinung. In der SPD (West) hingegen dreht sich die heftige Debatte über eine große Koalition zwischen der Schwesterpartei und der konservativen Allianz im anderen deutschen Staat um nichts Geringeres als um die Linie des eigenen Kanzlerkandidaten. Am ungeniertesten aber geht es zwischen der CDU und CSU zu: Dort werden schon Einflußsphären und Machtansprüche für das künftige ganze Deutschland abgesteckt.

Wenn Bonn nicht noch mit dem unerwarteten Wahlergebnis selber beschäftigt gewesen wäre, hätte der Hauch von Kreuth, die Erinnerung an die vorübergehende Spaltung der Union im Jahre 1976, die Theo Waigel heraufbeschworen hat, bereits einen mittleren Sturm ausgelöst. Seine Partei, schreibt der CSU-Vorsitzende im Bayernkurier, werde darauf achten, daß die Deutsche Soziale Union (DSU) „von der CDU, und dies gilt für Ost und West gleichermaßen, fair und angemessen behandelt wird“, als neue, eigenständige und von der Vergangenheit unbelastete politische Kraft.

Schon das klingt wie eine Kampfansage, nicht ohne Grund. Tatsächlich war und ist dem Adenauer-Haus in Bonn der Gedanke nicht fremd, daß die Ost-CDU, die in absehbarer Zeit ohnehin in einer Gesamt-CDU aufgehen wird, ihre Allianz-Partner DSU und Demokratischer Aufbruch (DA) eher über kurz als über lang aufsaugen könnte. Der überraschende Stimmentriumph der Partei Lothar de Maizières beschwingt zum Höhenflug: die CDU als beherrschende Partei auch jenseits der Elbe und als einziger Adressat für alle, die mit jeglichem Sozialismus, selbst mit der SPD nichts mehr im Sinn haben.

Wenn Theo Waigel sogleich dagegen vorbaut, dann liegen seine unmittelbaren Motive auf der Hand. In einem vereinten Deutschland, zumal unter Vorherrschaft der CDU, wird das Gewicht der CSU so oder so abnehmen. Ihre bisher üppigen Majoritäten in Bayern, die zur Bonner Mehrheitsfähigkeit der gesamten Union so entscheidend beitrugen, werden sich relativieren. Für Ersatz und Ausgleich muß sie auch in der anderen deutschen Hälfte sorgen. Besonders daraus erklärt sich die entschlossene Eile, mit der sie sofort zu Jahresanfang allerhand Splittergruppen, in Sachsen und anderswo, zur DSU zusammenzufügen half, noch bevor die Allianz aus dieser indirekten Verlängerung der CSU, der Ost-CDU und dem DA von Helmut Kohl mehr herbeigezwungen wurde, als daß sie von selbst zustande gekommen wäre.

Erst recht muß der CSU nach dem 18. März darum zu tun sein, mittelbar auch in der DDR Fuß zu fassen. Die Einbußen, die sie an diesem Tag bei den bayerischen Kommunalwahlen erlitt, bestätigen ihr, daß es in ihrem Stammland nicht mehr zum besten steht. Auch wenn die Republikaner nicht mehr überlebensgroß erscheinen, ist der Verlust der absoluten Mehrheit nicht länger aus der Welt, bei den Landtagswahlen im Oktober und womöglich auch beim Stimmgang zum Bundestag gleich danach. Jedenfalls: Wenn die CSU ihren Einfluß auf den weiteren Gang der deutschdeutschen Dinge und in einer gesamtdeutschen Unionsregierung wahren will, auch wenn er dann nicht mehr so überproportional wäre wie bis jetzt in Bonn, dann muß sie im anderen Teil Deutschlands ein eigenes Spielbein haben.