Von Fritz Vorholz

Als Charles Darwin im Jahr 1831 nahe Bahia an der brasilianischen Atlantikküste an Land ging, schrieb er in sein Tagebuch: "Freude ist ein schwacher Ausdruck für die Gefühle eines Naturforschers, der zum ersten Mal durch einen brasilianischen Wald streift. Die Eleganz der Gräser, die eigentümlichen Schmarotzerpflanzen, das glänzende Grün der Blätter, vor allem aber der Reichtum der Vegetation erfüllten mich mit Bewunderung."

Könnte der Begründer der Evolutionstheorie heute durch Amazonien wandern, er müßte mehr Trauer als Freude und Bewunderung empfinden. Wo einst Dschungel stand, würde er nun auf karges Land treffen. Er würde Stauseen von Tausenden Quadratkilometern erblicken, in denen der Wald erstickt; Sandpisten aus rotbrauner Erde, die sich als schnurgerade Schneisen in den Wald gefressen haben; Kahlschläge bis zum Horizont, auf denen ein paar Rinder unter der sengenden Sonne weiden.

Darwin müßte mit ansehen, wie Hunderte von Köhlern die Baumriesen zu Holzkohle verarbeiten, wie Spekulanten und landlose Bauern die reichhaltige Vegetation in Flammen aufgehen lassen. Er würde der "Apokalypse Amazoniens" begegnen. So nennen Kritiker der herrschenden Entwicklungspolitik das ökologische, ökonomische und soziale Desaster im Regenwald.

Wie in Südamerika stehen auch in Afrika und Asien die tropischen Wälder vor dem Ende In einem Rausch von Raffgier und Profitstreben, aber auch aus Armut und Verzweiflung, haben die Menschen vor etwa vier Jahrzehnten ein zerstörerisches Abenteuer gestartet, das in der Geschichte ohne Beispiel ist: den planmäßigen Ökozid am Regenwald, die dümmste und kurzsichtigste Vernichtungsorgie, die je von der vernunftbegabten Gattung Homo sapiens inszeniert wurde. Für minimalen, allenfalls kurzfristigen volkswirtschaftlichen Nutzen wurde innerhalb von zwei Generationen verramscht, was sich über Millionen von Jahren zum reichhaltigsten Ökosystem der Erde entwickelt hat – geradezu so, als könne anschließend der nächste Schatz eines unerschöpflichen Naturpotentials ausgeplündert werden. Doch mit dem Regenwald zerstört der Mensch unwiederbringlich das größte Erbe der Natur – und setzt dabei sein eigenes Schicksal aufs Spiel.

Nicht nur Umweltgruppen, auch Regierungschefs und Manager sehen den Wahnsinn mittlerweile ein. In den Industrieländern avancierte der Tropenwald gar zum Modethema bei Cocktailparties und Weltwirtschaftsgipfeln. Doch gleichzeitig hat sich die Vernichtungsorgie am Äquatorgürtel gar beschleunigt.

Um die Jahrhundertwende waren etwa zwölf Prozent der Erdoberfläche mit tropischen Regenwäldern bedeckt. Heute ist der Bestand schon auf die Hälfte dezimiert, auf etwa 18 Millionen Quadratkilometer. 57 Prozent davon bedecken Mittel- und Südamerika, in Asien steht ein Viertel des Regenwaldes, in Afrika sind es 18 Prozent. Weltweit wurden zu Beginn der achtziger Jahre laut Statistik der Welternährungsorganisation (FAO) jährlich mehr als 70 000 Quadratkilometer geschlossener Regenwälder vernichtet. Der neuesten Waldinventur des Briten Norman Myers zufolge ist die Vernichtungsrate in den vergangenen zehn Jahren um neunzig Prozent gestiegen. Jede Minute, Tag und Nacht, geht eine Tropenwaldfläche in der Größe von mehr als dreißig Fußballfeldern in Rauch und Asche auf oder fällt Säge und Axt zum Opfer.