Von Klaus Wittmann

Nersingen

Auf der Autobahn A 8 Richtung Augsburg fährt bei strömendem Regen ein Lastwagen mit drei großen Tanks. Die Tankverschlüsse sind geöffnet, giftige Photochemikalien laufen heraus und werden während der Fahrt gleichmäßig über die Autobahn verteilt.

Auf diese Art und Weise soll die schwäbische Recycling-Firma Schüller GmbH aus Nersingen im Landkreis Neu-Ulm mehrfach Photoabwässer entsorgt haben. In einem anonymen Brief hat ein Lkw-Fahrer, der die Firma oft beliefert, den Bürgermeister Nersingens über diese Vorgänge unterrichtet. Haarsträubende Umweltverstöße sind in dem Schreiben aufgelistet. Nachts sollen im Kathodensilber-Schmelzofen der Firma heimlich elektronische Leiterplatten eingeschmolzen worden sein. Giftige Chemikalien habe man einfach ins Erdreich versickern lassen, mit womöglich dioxinhaltigem Kühlöl sei ähnliches passiert. Daß er lieber anonym bleiben möchte, begründet der Informant damit, daß der Seniorchef der Firma ihm vor einem halben Jahr gedroht habe: "Für 10 000 Mark kann man einen um die Ecke bringen lassen!" Die Staatsanwaltschaft Memmingen ermittelt jetzt; gegenüber der ZEIT war die Firmenleitung zu keiner Aussage bereit.

Tausend in- und ausländische Betriebe und Behörden entsorgen ihre Abfälle bei Firma Schüller, darunter auch Großdruckereien, die Polizei und die Regierung von Schwaben. Mehrere Gutachten der Münchner "Arbeitsgemeinschaft Umweltanalytik", die von der Gemeinde Nersingen in Auftrag gegeben worden sind, legen nahe, daß es bei Schüller nicht mit rechten Dingen zugehen kann: "Die Proben (vom Firmengelände, d.Red.) zeigen sehr hohe Gehalte an toxischen und krebserzeugenden Stoffen", heißt es beispielsweise.

An einem Tiegelofen, der laut Genehmigungsbescheid nur für das Einschmelzen von Kathodensilber hätte verwendet werden dürfen, wurden pro Kilogramm Staub 12 000 Milligramm Kupfer, 2000 Milligramm Blei und 1000 Milligramm Cadmium gemessen. Für die Mitarbeiter bestehe, so die Gutachter, "eine permanente Gesundheitsgefährdung". Ebenso sei eine Gefahr für die Umgebung zu vermuten.

Viele Mißstände bei der Recycling-Firma, die sich in ihrem Briefkopf als Spezialist für Edelmetallrückgewinnung, Computer-Verwertung und Laborabwässer bezeichnet, sind von ehemaligen Mitarbeitern bestätigt worden. Einmal sei beispielsweise beim Gesundheitsamt in Augsburg ein defekter Chemikalientank ausgetauscht worden. Als 250 Liter Entwickler in den mitgebrachten Austauschtank umgepumpt werden sollten, stellte der Fahrer fest, daß auch jener Tank beschädigt war. Auf Rückfrage in der Firma wurde ihm gesagt, es werde schon nicht soviel auslaufen. Er solle einfach die Flüssigkeit umfüllen und dann losfahren. Im Betrieb angekommen, sei dann der Tank so gut wie leer gewesen.