Von Hermann Glaser

Der Fabrik- und Wanderarbeiter Robert Köhler wurde 1841 in Nordböhmen geboren; sein Todesjahr ist nicht eruierbar. 1857 bis 1862 war er auf Arbeitswanderschaft; 1866 erlitt er in der Schlacht bei Königgrätz eine schwere Verwundung. Seit 1873 wirkte er als Agitator der Sozialdemokratischen Partei in Nord- und Westböhmen. Seine „Erinnerungen aus dem Leben eines Proletariers“ erschienen 1913: „Die Zeit rückt vor, und es will Abend werden in meinem Leben. Bevor ich jedoch zur Ruhe gehe und die Allmutter Natur mich wieder auflöst in die Stoffe, aus denen ich erschaffen, will ich erzählen, wie es mir in meinem Leben erging. Ich wünsche nur eines: daß keinem ein solches Los beschieden sein möge wie mir. Mein einziger Trost ist, daß ich mir sagen kann, nicht umsonst gelebt, sondern mitgearbeitet zu haben für alle Klassengenossen, damit einst für sie eine bessere Zukunft anbricht, wo Freiheit und Gleichheit kein leerer Wahn mehr sein werden ...“

Berichte über die Not „derer da drunten“, über die Verelendung der Massen im Zeitalter der Industrialisierung, sind keineswegs selten; sie wurden nur lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen. Die Geschichtsschreibung vernachlässigte den Alltagsbereich und bevorzugte staatspolitische Fragestellungen. Die „Fragen eines lesenden Arbeiters“ – heute erfreulicherweise die Fragen vieler Leserinnen und Leser aus allen Gesellschaftsbereichen und sozialen Milieus – werden neuerdings durch die Historiographie ernst genommen und, soweit es trotz verschollener, verdrängter und vergessener Quellen geht, beantwortet: „Wer baute das siebentorige Theben? / In den Büchern stehen die Namen von Königen. / Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? / Und das mehrmals zerstörte Babylon – / Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern / Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? / Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war, / die Maurer?...“ (Bertolt Brecht)

In Graz hat sich ein Zentrum für Alltagsgeschichte beziehungsweise Kulturgeschichte der Arbeit gebildet – auch fundiert in der umfassenden Bibliothek des 1985 verstorbenen Friedrich G. Kürbisch, der als Sammler und Herausgeber deutschsprachiger Arbeiterliteratur Pionierarbeit geleistet hat. Die Veröffentlichungen des Grazer Arbeitskreises verdienen hohe Anerkennung; sie sollten gerade von der Pädagogik genutzt werden.

Auszüge aus „Autobiographien zur Alltags- und Sozialgeschichte Österreichs 1867–1914“ legt Stefan Riesenfellner vor. Neben dem Text von Robert Köhler findet man dort weitere 43 Quellen erschlossen. „Diese subjektiven Lebensgeschichten lassen vor uns die erzählte Geschichte einer ‚anderen‘ Kultur in ihrem privaten und sozialen Bereich entstehen. Die individuelle ‚Lebenszeit‘ (Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter) erscheint in den autobiographischen Selbstdarstellungen vor allem geprägt von der sozialen ‚Alltagszeit‘, der alltäglichen Arbeitszeit. Die literarischen Texte geben den Blick auf das weite Feld der ‚Arbeitswelt‘ frei: auf die Kinder-, Frauen- und Familienarbeit, die Fabrik- und Heimarbeit ebenso wie auf landwirtschaftliche Arbeit, nicht zuletzt auf die ‚Walze‘ der Handwerker und die Arbeitswanderschaft.“ Die lebensgeschichtlichen Quellen beleuchten Wohn-, Lohn- und Lebensverhältnisse der Arbeiter, ihre kulturellen Bemühungen in der Freizeit, ihre Lebensweise. Als Zeichen einer politischen Kultur sprechen sie von der Organisierung und der Politik der Arbeiterbewegung, von Agitation, den Demonstrationen, Versammlungen, Parteitagen, von politischer Verfolgung, Gefängnis und Ausweisung. Heraus kommt eine Leidensgeschichte, deren Dimension in unserer Zeit – angesichts der Errungenschaften des über ein Jahrhundert bestehenden, also real existierenden Sozialismus – kaum mehr vorstellbar ist. Zugleich aber zeigt sich, daß damals, trotz häufig aussichtsloser Lage, Realutopien am Werk waren, die dem Diktum von Gustav Heinemann, das er 1970 zur Bestätigung und Bestärkung einer Geschichte von unten formulierte, voll entsprechen: „Ich glaube, daß wir einen ungehobenen Schatz an Vorgängen besitzen, der es verdient, ans Licht gebracht und weit stärker als bisher im Bewußtsein unseres Volkes verankert zu werden. Nichts kann uns daran hindern, in der Geschichte unseres Volkes nach jenen Kräften zu spüren und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die dafür gekämpft und gelebt haben, daß das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann.“

In einer anderen Anthologie hat Stefan Riesenfellner Texte zur Alltagsgeschichte von Max Winter zusammengestellt; sie geben den authentischen Blick des Sozialreports in die Welt der Arbeit um 1900 wieder – subjektiv freilich, aber nicht willkürlich. „Sie führen in die Weberdörfer der mährisch-schlesischen Hunger- und Notstandsgebiete, zu den nord- und nordwestböhmischen Glas- und Porzellanarbeitern, vorbei am bunten Heerbann von landwirtschaftlichen Lohn- und Saisonarbeitern zu den Hütten- und Bergarbeitern der böhmischen und steirischen Industrie- und Bergbauregionen, zu den zinspflichtigen Holzknechten des Böhmerwaldes ebenso wie zu den Haller Salinenarbeitern und den Goldgräbern in Ungarn; den Weihofener Sensenschmieden und den Wanderarbeitern, der ,Arbeiterstadt‘ Wien.“

Angeregt durch Viktor Adler, dessen eigene Sozialreportagen von Friedrich Engels Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ inspiriert waren, entwickelte Winter den Typus der „operativen Sozialreportage“, der innerhalb der Presse der sozialdemokratisch organisierten Arbeiterbewegung angesiedelt war; er zielte in erster Linie auf die Ausformung einer Gegenöffentlichkeit, eines sozialdemokratischen Binnenmilieus. Gezeigt werden menschliche Erfahrungen im Spannungsfeld von Sozietätsformen und Individualitätsformen, „wobei mitgeteilt wird, wie Subjekte ihre abhängigen Stellungen und Verhältnisse als Bedürfnisse, Interessen, Widersprüche und Konflikte aufnehmen, wie sie diese soziale Erfahrung innerhalb ihres Bewußtseins und ihrer Kultur handhaben und wie sie schließlich auf diese determinierenden Abhängigkeitsverhältnisse einwirken – wie Veränderung (innerhalb dynamisierten Alltags) begreifbar gemacht wird“. Die dergestalt beschriebene Struktur von Max Winters Sozialreportagen ist jedoch nur sekundär bedeutsam; primär macht die Empathie Winters, der genaue Recherchen mit humanem Engagement zu verbinden