Von Jürgen Rüttgers

BONN. – Zwar noch etwas verhalten, aber doch mit zunehmender Leidenschaft und Akribie ist der Streit um die künftige Hauptstadt der Deutschen entbrannt. Der österreichische Schriftsteller Josef Hofmiller hatte wohl recht, als er mit Blick auf die Gründung Washingtons notierte: "Die Wahl der Hauptstadt ist zugleich ein Glaubensakt, ein politisches Manöver, eine symbolische Geste und eine bemerkenswerte Leistung der Stadtplanung."

Außerdem: Die Hauptstadtfrage berührt die legitimen, wirtschaftlichen und persönlichen Lebensinteressen vieler Menschen, auch wenn die Vorstellung eines Trecks von 100 000 umziehenden Staatsdienern wohl eher dem Gruselkabinett des Lobbyismus entstammt. Die Fülle der bisherigen Vorschläge macht eines deutlich: Niemand kann an Berlin vorbeigehen, und niemand will so recht von Bonn lassen.

Sicher, Berlin war nur 64 Jahre Reichshauptstadt und als solche halbwegs unumstritten nur während der Weimarer Republik. Immer noch steht Berlin vor 1945 (und Ost-Berlin auch danach) für die kurzlebige, aber verhängnisvolle zentralistische Tradition der deutschen Geschichte. Aber Berlin ist, als es nicht mehr Reichshauptstadt war, zur Hauptsache und zur Hauptstadt geworden – nicht nur für die Deutschen, sondern für die Sache der Freiheit. Auch deshalb können ungute Erinnerungen an die Reichshauptstadt und die daraus resultierenden Ressentiments gegen Berlin als neue deutsche Hauptstadt nicht maßgeblich sein.

Für Bonn gibt es andere, ebenfalls gute Gründe. Bonn hat seine Funktion bisher gut erfüllt. Der viel gescholtene Bonner "Provinzialismus" ist teils die Kehrseite angenehmer Unaufgeregtheit, teils ein Reflex selbstgerechter Urteile von Zeitgenossen, für die Spötteleien über das "Bundesdorf" zum guten Ton gehören. Es gibt auch kein Prinzip, nach dem der Parlaments- und Regierungssitz eines Landes und die geistig-kulturelle Metropole identisch sein müßten. Häufiger ist das Gegenteil. Das Bonner Idyll ist allerdings ebensowenig wie die Berliner Weitläufigkeit ein zwingender Gesichtspunkt in der Hauptstadtfrage.

Hilft die Unterscheidung von Hauptstadt und Parlaments- beziehungsweise Regierungssitz? Die Bonner Stadtväter hoffen es. Berlin soll Hauptstadt werden, Bonn Parlaments- und Regierungssitz bleiben. Die Idee offenbart, daß sie aus der Not geboren ist. Ein Symbol ohne Substanz, also eine Hauptstadt ohne die entscheidenden Hauptstadtfunktionen, ist eine Verlegenheitsadresse, die Berlin nicht verdient hat.

Aber warum verzichten wir nicht überhaupt auf die formelle, gar verfassungsrechtliche Deklaration einer Hauptstadt? Schon heute läßt sich sagen, daß der künftige deutsche Bundesstaat ausgeprägt föderalistisch sein wird. Es wird dementsprechend viele politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentren geben. Wozu also eine Bundeshauptstadt, die eine Kapitale à la Paris oder London gar nicht sein soll? Denn auch ohne diesen Titel ist Berlin eine europäische Metropole. Mit einer von den Spaltungsfesseln befreiten Vitalität, als Drehscheibe zwischen Ost und West hat es alle Voraussetzungen für ein Zentrum internationaler Begegnungen, etwa im Rahmen des KSZE-Prozesses. Diese Aufgabe wird leichter sein, wenn die Stadt nicht gleichzeitig deutsche Hauptstadt ist.