Von Frank Berger

Etwas verstört und für Spaziergänger viel zu hastig kommen Mehmet Alcran* und Kemal Dudack* den österreichischen Wanderweg am Bodensee herauf. Man merkt ihnen an, daß sie ortsunkundig sind und daß es ihnen um 23 Uhr abends nur noch um eines geht – den illegalen Grenzübertritt in die Bundesrepublik. Am österreichisch-bayerischen Grenzfluß Laiblach angekommen, zieht es die beiden Türken so schnell wie möglich zur Eisenbahnbrücke zwischen Lindau und Bregenz – eine Stahlkonstruktion von knapp zehn Metern, über die man gefahrlos bayerisches Gebiet erreichen kann. Doch nur drei Minuten später und knappe hundert Meter weiter, ist der illegale Grenzübertritt für Mehmet Alcran und Kemal Dudack beendet – eine Sonderpatrouille der bayerischen Grenzpolizei nimmt sie abseits des Bahndammes in Empfang und bringt sie zur Vernehmung und zur erkennungsdienstlichen Behandlung ins Lindauer „Zollhäusel“.

Was Mehmet Alcran und Kemal Dudack nicht wissen konnten: So wie sie wurden schon Dutzende von illegalen Grenzgängern an der Eisenbahnbrücke abgefangen, die meisten davon „abgebrannt“ bis auf den letzten Pfennig. Auch in diesem Fall ist die Situation nicht viel anders, rund 400 Mark und insgesamt vier separat verpackte Goldringe sind das letzte, was die beiden Türken noch bei sich haben. „Eigentlich wollten wir damit noch bis ins Ruhrgebiet weiter“, geben sie später zu Protokoll, doch ohne den obligatorischen Sichtvermerk im Paß ist an eine Fortsetzung ihrer Reise nicht zu denken, bleibt ihnen nur der Weg in die örtliche Polizeiverwahrung.

„Wer bei der Vernehmung durch die hiesigen Beamten keinen begründeten Asylantrag stellen kann, der wird meist am nächsten Tag nach Österreich zurückgeschoben“, sagt Erich Knestl, der Leiter des Lindauer Kriminaldienstes, der zugleich darauf hinweist, daß man an der 801 Kilometer langen Grenze schon so manche menschliche Tragödie erleben mußte, wenn man den illegal eingereisten Türken die Rückführung nach Osterreich mitgeteilt habe. „Da gibt es dann Leute, die uns mit Tränen in den Augen erzählen, wie sie bis zu 6000 Mark an ausländische Schlepper bezahlen mußten, damit sie unbemerkt nach Deutschland kommen können. Manche von ihnen haben wohl wirklich ihr letztes Hab und Gut verkauft, um die Reise zu finanzieren – und nachdem man sie an der Grenze geschnappt hatte, war praktisch das gesamte Geld auf einmal verloren.“

Wo immer man in diesen Tagen an bayerischen Grenzen nachfragt, Probleme mit illegal einreisenden Türken und ihren Helfern, den Schleppern, hat man fast überall. Im Jahr 1989, so das Münchner Grenzpolizeipräsidium, seien an Bayerns Grenze zu Österreich fast 8000 illegale Einwanderer aufgegriffen worden – etwa sechzig Prozent davon waren türkische Arbeitssuchende ohne jedes Visum für die Bundesrepublik. Wie viele Personen tatsächlich unerlaubt eingereist sind, darüber läßt sich nur vage spekulieren, Experten der bayerischen Grenzpolizei halten aber eine Zahl zwischen 30 000 und 40 000 für realistisch. Auch 1990 scheint diese Entwicklung keineswegs gebremst zu sein. Hauptmotiv, so die Grenzbehörden, sei dabei nach wie vor die schlechte wirtschaftliche Situation des Balkanstaates, die es einfach nicht zulasse, daß die Menschen ausreichend Arbeit finden. „In den letzten zwei, drei Jahren haben wir aber auch verstärkt feststellen müssen, wie sich Schlepperorganisationen in Istanbul oder Ankara etabliert haben, die den Türken Arbeit und Brot in der Bundesrepublik versprechen und die sie damit erst hierhin locken“, so der Münchner Kripochef Gerhard Legat über die Arbeitsweise solcher Anwerbegruppen. „Je nachdem, wieviel Geld die Leute dann aufbringen konnten, hat man sie zunächst nach Istanbul gekarrt, um sie von dort aus mit dem Bus oder per Flugzeug nach Österreich zu bringen.“

Diese Masche sei bis zur Einführung einer Visapflicht für Türken in Österreich jahrelang gutgegangen, was viele der Arbeitssuchenden gleich ermuntert habe, möglichst schnell ins bayerischösterreichische Grenzgebiet weiterzureisen. „Wer bis zum 17. Januar dieses Jahres auf diese Weise nach Österreich kam, der gab sich gern als Tourist aus, der die Schönheiten von Salzburg, Bregenz oder Kufstein kennenlernen wollte.“ Einmal dort eingetroffen, hätte sich das Motiv vieler türkischer „Touristen“ dann aber sprunghaft geändert, wären die meisten nur noch darauf ausgewesen, möglichst schnell und unauffällig über die bayerischösterreichische Grenze hinüberzukommen. „In einer ganzen Reihe von Fällen saßen da die Schlepper schon startbereit in den einschlägigen Lokalen und warteten nur darauf, daß sie von den türkischen Arbeitssuchenden zwecks Grenzschleusung angesprochen wurden. Wer dann noch über Geld verfügte und sofort bezahlen konnte, den hat man oft noch in der gleichen Nacht nach Deutschland rübergebracht.“

Etwa 500 solcher Schlepper wurden im letzten Jahr auf deutschem Gebiet festgenommen, die meisten davon Türken, aber auch Deutsche und Österreicher. Einer von ihnen ist der 28jährige Peter Marek* aus Kufstein, bis vor wenigen Monaten Geschäftsführer einer großen örtlichen Diskothek. Gegen Zahlung eines Schleuserlohnes von bis zu tausend Mark pro Person soll er gut 35 Türken zur illegalen Einreise in die Bundesrepublik verholfen haben – ein vergleichsweise „kleiner Fisch“, wie die Grenzpolizei im bayerischen Freilassing einräumt. Genauso wie die Großen der Schlepperbranche habe der 28jährige aber stets nach einem bestimmten, vorher ausgeklügelten System gearbeitet, berichtet Hauptkommissar Dieter Seitz, der sich schon seit Jahren einer wachsenden Anzahl solcher Grenzschleusungen gegenübersieht. „Im Fall Marek hatte der Schlepper einen Kompagnon in Wien, der die Türken auf dem Bahnhof oder sonstwo ansprach und der sie dann mit dem Zug über Salzburg nach Kufstein brachte. Dort wurden sie von Marek in Empfang genommen, und nach Zahlung des Schleuserlohnes ging es oft noch in der gleichen Nacht über die grüne Grenze nach Deutschland weiter.“