Von Judith Reicherzer

Wir, Ihre Mitarbeiter, haben für Sie geschuftet. Sie unterstellen uns jetzt öffentlich ..., daß wir Faulpelze sind. Das trifft uns tief in unserer Ehre ... Wegen zu erwartender fristloser Kündigung bleibt dieser Brief leider ohne Absender." Das zwei Seiten lange Schreiben an Günther Fielmann machte im vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten die Runde. Deutschlands größten Augenoptiker hatte offenbar das Glück verlassen. Jahrelang von den Medien als Erfinder der modischen Kassenbrille hochgelobt, bekam der Hamburger Filialist plötzlich nur noch schlechte Kritiken. Der offene Brief, den angeblich Mitarbeiter anonym verfaßt hatten, ging an Konkurrenten, Krankenkassen und Presse und war der Höhepunkt in einer Reihe von Vorwürfen gegen Fielmann.

Anstatt nun aber den Urheber der Schmähschrift nur in den eigenen Reihen zu suchen, erstattete der Optiker Anzeige gegen Unbekannt und setzte auf seinen Konkurrenten und Erzfeind Franz-Josef Krane eine Hannoveraner Detektei an. Wochenlang beobachteten die Detektive den Geschäftsführer und Mitinhaber der Krane Optic mit dreißig Filialen in Westfalen. Zudem kauften die professionellen Schnüffler in Fielmanns Auftrag "Altpapier" von einer Verwertungsfirma, die regelmäßig die Schnipsel aus Kranes Papierschredder abholte – ein lohnendes Unterfangen, denn Kranes Schredder taugte nicht viel. In rund tausend Stunden mühsamer Kleinarbeit puzzelten die Detektive die Papierstreifen zusammen. "Wir hatten unwahrscheinlich Glück", sagt Fielmann. "Wir fanden das Original des angeblichen Mitarbeiterbriefes. Krane hat die Schmähschrift selbst verfaßt." Zusammen mit einem graphologischen Gutachten, das die Handschrift Franz-Josef Kranes auf dem Original belegen soll, gab Fielmann die Unterlagen an die Hamburger Staatsanwaltschaft. In der vergangenen Woche durchsuchte daraufhin die Kriminalpolizei Villa und Geschäftsräume des Fielmann-Konkurrenten im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück und ermittelt nun gegen Krane wegen Verleumdung.

Jahrelang hatte Krane Fielmanns Unternehmensstrategien kopiert und wurde so zum fünftgrößten Filialisten der Bundesrepublik. Viele andere bundesdeutsche Optiker aber wählten statt der Kopie die Konfrontation. Sie verziehen es Fielmann nicht, die Standesregeln verletzt und knallharten Wettbewerb in der Branche eingeführt zu haben. Zwar hatte Ende der siebziger Jahre etwa zeitgleich mit Fielmann auch Apollo-Optik (Umsatz: 147 Millionen Mark), eine Tochter des Versandhändlers Quelle, statt der zeitlos häßlichen Kassengestelle modische Brillen auf Rezept angeboten. Doch der Konzerntochter sahen die Augenoptiker die aggressive Strategie eher nach als einem Meister aus den eigenen Reihen.

Statt die wettbewerbliche Herausforderung anzunehmen und selbst nach neuen Marketing-Konzepten zu suchen, prozessierten die etablierten Kollegen gegen Fielmann. Der ließ sich öffentlich als "Rächer der Bebrillten" feiern und konterte seinerseits mit Klagen gegen die Zunft. Die kleine Branche, mit 7500 Läden und einem Jahresumsatz von nur vier Milliarden Mark, beschäftigte in den achtziger Jahren regelmäßig die bundesdeutschen Gerichte. Derzeit ist Fielmann allein in über fünfzig Wettbewerbsprozesse verwickelt.

Der Hamburger Filialist schockte seine Konkurrenten nicht nur mit wahren Kampfangeboten. Er übertraf die geruhsamen Optiker auch immer wieder in der Kunst der medienwirksamen Selbstdarstellung: Fielmann unterstützt Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und Robin Wood, betätigt sich als Bio-Bauer und pflanzt jährlich pro Mitarbeiter einen Baum. Sogar DDR-Bürger kamen in den Genuß Fielmannscher Wohltaten. Kurz nach Öffnung der innerdeutschen Grenzen verkaufte er in einigen Filialen Bananen und Schokolade zum Kurs von eins zu eins, 100 000 Ost-Mark flossen dabei in die Ladenkassen. Bald schon will er den DDR-Bürgern auch Brillen offerieren – in Filialen in Ost-Berlin, Leipzig und Dresden.

Eine Erklärung für die enorme Expansion Fielmanns ist nicht zuletzt sein Durst nach Rache an den eigenen Kollegen. "Sie wollten mich fertigmachen. Und deshalb bin ich immer stärker geworden", sagt er, und in dem Moment ist Haß der Motor dieses Mannes. Mit mehr als 200 Filialen und einem Umsatz von rund 350 Millionen Mark ist er die Nummer eins in der Bundesrepublik, auch nach der Gesundheitsreform, die der Branche einen Umsatzrückgang von rund einem Drittel brachte. Er vertreibt seine Brillen bis in die Vereinigten Staaten, verkauft über seine Tochterfirma MPA jährlich für 70 Millionen Mark Medikamente – und trotz dieser Erfolge muß er immer wieder allen beweisen, daß er der Beste ist.