Von Peter Rühmkorf

Haben wir dieses Buch von Robert Gernhardt eigentlich irgendwo öffentlich glänzen sehen, in den Herbst- und Weihnachtsauslagen unserer Buch- und Kunsthandlungen? Hat man es seiner lichten Bilder wegen in den Kulturmagazinen unserer zahlreichen Fernsehanstalten hochgehoben und mit dem angemessenen Empfehlungsfinger darauf gewiesen? Ist es wenigstens in den Zeitungsfeuilletons ein bißchen nach vorn geschoben worden, und sei es als persönlicher Geschenktip? Nichts von alledem, und da auch der Verlag nur von einer lobenden Erwähnung zu singen weiß, teilt dies augenanziehende „Innen und außen – Bilder/Zeichnungen/Über Malerei“ wohl das traurige Los von ungezählten anderen am Zeitgeist vorbeiproduzierten Wundersamkeiten, nach denen wir gar nicht verlangen können, weil unsere Augen sie nicht sehen.

Dabei ist der Verfasser des unsichtbaren Bilderbuches doch bestimmt keine quantité négligeable und alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Von seinen sinnreichen Wahnsinnsversen und kunstvollen Äquivoken („Besternte Ernte“, „Wörtersee“, „Körper in Cafés“) hallt die Sphäre wider, wenn auch eher im Niederbereich der Comicszene. Seine Bildergeschichten, Photomontagen und Witze ohne Worte sind bekannt wie bunte Hunde; wie viele Leser der heutigen Titanic und des früheren Pardon, die sich gelegentlich der Gernhardtschen Capriccios nicht schon ein paarmal totgelacht hätten. Also das Publikum weiß schon ziemlich genau, um wen es sich handelt, wenn es den Namen hört; obwohl andererseits auch wieder nur ziemlich ziemlich, denn neben dem Cartoonisten und Exzentrikdichter gibt es immerhin noch den wetterfühligen Zeit- und Sittenschilderer („Letzte Ölung“, „Was gibt’s denn da zu lachen?“). Und neben ihm und mit ihm zusammen den landes-, sprach- und bilderkundigen Italienführer („Kippfigur“, „Ich Ich Ich“). Und neben dem Reise- und Kunstschriftsteller den Psychographen des verdammt komplizierten einfachen Lebens („Die Toscana-Therapie“) und den mit Abstand unverfrorensten Analytiker menschlichen Höhenstrebens und künstlerischen Größenwahns („Glück Glanz Ruhm“). Also ein toller Wirbel insgesamt der verschiedensten Interessen, Fertigkeiten, Kenntnisse und Genieblitze, man weiß fast nicht, was man mehr bewundern soll, die rasende Ausdehnung dieser kleinen Galaxis oder ihre insgeheimen medialen Zusammenhänge.

Was wir freilich immer schon ahnten und nur nie recht beweisen konnten, daß das eigentliche Nervenzentrum von Gernhardts gesammelten Vergnüglichkeiten in einem tief verborgenen Juckpunkt zu suchen sei, einer verdeckten wunden Stelle, in der Nachbarschaft einer unsichtbaren Scheuerleiste, wird erst mit diesem „Innen und außen“ offenbar, das uns die Lustige Figur als einen passionierten und zu seinem eigenen Leidwesen nie recht durchgedrungenen Kunstmaler vor Augen führt.

Von hier aus gesehen entlarven sich Gernhardts diverse Künstlersatiren nämlich als gar nicht so larvenhafte und nicht nur lächerliche Vexierspiele. In ihren kunstvoll alternierenden Tonlagen zwischen beinah noch unschuldiger Herzensergießung und schon wieder sternenweit über Größe und Leiden der Meister hinausschießenden ironischen Leuchtspurgarben weisen sie immer auch auf den gefährlich dünnen Bühnenboden hin, auf dem der Autor seine Wiedergänger tanzen läßt, teils lebenswahr, teils sterbensecht, und manchmal auch beides zusammen – „Obwohl G. im Kunstwerk auch den Künstler ehrte“, heißt es etwa in „Glück Glanz Ruhm“: „obwohl er also hätte wissen müssen, daß das berühmte Werk nicht zuletzt dazu beiträgt, den Künstler selbst berühmt zu machen, sah er doch die erhoffte Wirkung seiner Werke ganz anders. Sie sollten den Blick nicht auf ihn lenken, sondern ihn vor den Blicken verbergen, sich gleichsam zwischen ihn und die Welt stellen, als gleißendes, kunstvoll gehämmertes Schutzschild, das den Betrachter zugleich anlockte und blendete.“ Es ist nur leider so beziehungsweise dies die andere Seite der glanzvoll gedachten Medaille, daß der apotropäische Schild zwar seinen Bildner vollkommen vor der Welt zu verdecken vermochte, nicht aber die Blicke eines größeren Publikums auf seine eigene meisterlich gearbeitete Oberfläche zu ziehen.

Das betrübliche Paradox doch noch zum Guten zu wenden und neben dem Humoristen auch dem mit allen Ölen gesalbten Maler zum Vorschein zu verhelfen, hat sich das neue Buch mit vielen farbigen Bildtafeln angelegen sein lassen. Daß das mit einem gewissen strategischen Bedacht geschieht, zeigt bereits der Schutzumschlag. Er eröffnet die Partie mit einem (masso meno) realistisch gemalten Fensterausblick auf eine südliche Landschaft und entläßt den Betrachter mit einem mauergefaßten Hügelprospekt auf der Rückseite, was sicher nicht nur zufällig durch das Buch hindurch und an dem ausübenden Künstler vorbeiführt. Je unpersönlicher, desto eigener“ soll uns später das noch genauer zu betrachtende Nachwort belehren, ein wahrhaft verwegenes Demutszeugnis, und der Ausstellungsführer steht nicht an, uns die Abwesenheit seiner Person auf 138 Bildreproduktionen augenkundig zu machen.

Tatsächlich sucht man auf seinen vornehmlich toskanisch influenzierten Terrassenansichten, Balkonfluchten und Zimmerdurchblicken vergebens nach auch nur dem Schatten eines menschlichen Wesens, von etwas so Persönlichem wie einem Selbstportrait ganz zu schweigen. Statt mit Scherz, Ironie und sonstigem subjektivistischen Blendwerk bekommen wir es mit einem begrenzten Set von exakt und andächtig mit dem Auge begriffenen Alltagsgegenständen zu tun, einer „roten Wand“, einer „Mauer mit Stein“, einem „Brett im Licht“, einem „Kanon vor Hecke“, einer „Gasflasche im Eck“, Blickfängen, die uns touristischen Drüberhinsehern möglicherweise gar nicht aufgefallen wären, wenn der Maler sie nicht in ein derart sonntägliches Licht gesetzt hätte.