Steigende Zinsen und schwacher Yen bedrohen das japanische Finanzwunder

Von Helmut Becker

Der Mythos der Unverletzlichkeit unseres Aktienmarktes ist dahin“, sorgte sich Teruhiko Mano. Der Chefberater des Präsidenten der Bank of Tokyo sieht gegenwärtig ganz schwarz: „Wir sind in einem Teufelskreis gefangen, der mit steigenden Zinsen, sinkenden Aktienkursen, einem schwachen Yen und Kapitalflucht beginnt.“ Auch auf Japans Finanzminister Ryutaro Hashimoto „wirkt die Lage sehr ernst“ – so kommentierte er vorige Woche den Rutsch des Nikkei-Aktienindex unter „die Widerstandslinie von 30 000 Yen“.

Der Minister hat Grund zur Sorge: Das Kapital der Finanzmacht Japan schmilzt dahin wie Butter in der Sonne. Seit Jahresbeginn verloren die Aktien an der Börse in Tokios Kabutocho-Viertel rund 130 Billionen Yen oder 23 Prozent ihres Wertes. Die gewaltige Vermögensvernichtung entspricht mit umgerechnet 1420 Milliarden Mark mehr als dem doppelten Wert aller deutscher Aktien.

„Wir haben an der Börse in drei Monaten mehr Kapital verloren als das Bruttosozialprodukt von Australien, China, Chile, Ägypten, Spanien und Südkorea zusammengenommen“, schrieb Japans Wirtschaftstageszeitung Nihon Keizai Shimbun und notierte stolz den größten Kapitalschwund „in der Weltgeschichte“.

Freude über diesen „Rekord“ des Finanzriesen Nippon will dagegen kaum aufkommen. Denn nicht nur in Japan geht die Furcht um, daß die heftigen Turbulenzen am größten Aktienmarkt der Welt das gesamte japanische Finanzsystem zerrütten und ein Kollaps die Partnerstaaten mit ins Unheil ziehen könnten. Der angstvolle Blick nach Tokio signalisiert die Gewichtsverlagerung auf dem Weltfinanzmarkt in den zurückliegenden Jahren. Denn anders als zu Beginn der achtziger Jahre, als die Welt wie gebannt auf die industrielle Potenz Nippons blickte, steht nun die finanzielle Allmacht der Japaner im Brennpunkt. Japan stellt die zehn größten Banken der Erde und fünfzig der weltweit hundert börsenschwersten Firmen. Ungläubig nahm die Welt zur Kenntnis, daß das kleine Gelände des Kaiserpalastes in Tokio so teuer ist wie ganz Kalifornien, sollte Majestät einmal Kasse machen wollen. Jedes beliebige Grundstück in Japan kostet durchschnittlich exakt hundertmal soviel wie sein Pendant in den USA, errechnete 1988 die Regierung in Tokio.

Das Land des aufgehenden Yen begann die Welt zu kaufen – zu jedem Preis und dennoch mit Mitteln aus der Portokasse. Gemessen an der Finanzsupermacht Japan verblaßt die Petrodollarschwemme der siebziger Jahre. Dabei scheint Japans Kapital anders als der schnelle Opec-Reichtum über jeden Verdacht erhaben: Es gilt als Frucht der Überlegenheit der japanischen Industrie, des Fleißes und der Sparsamkeit der Bevölkerung und damit als ein Muster an Solidität.