Das Gegenteil trifft zu: Nippons immenser Reichtum verdankt seinen Ursprung und seine Mehrung einer beispiellosen Spekulation, deren böse Folgen die Fundamente der Japan-AG auch dann untergraben werden, wenn ein weiterer Kurssturz an Tokios Aktienbörse vermeidbar sein sollte.

Die Geburtsstunde für Nippons Neureichtum läßt sich exakt bestimmen. Als im September 1985 die Finanzminister und Notenbankgouverneure der Vereinigten Staaten, Japans, Englands, Frankreichs und der Bundesrepublik im New Yorker Plaza-Hotel beschlossen, gemeinsam den Dollarkurs zu senken, konnten sie nicht ahnen, daß sie damit die größte Spekulation der Geschichte auslösten. Die Ziele der Plaza-Runde waren klar definiert: Ein billiger Dollar und.ein teurer Yen sollten Amerikas Exporte ankurbeln und das gefährlich hohe US-Handelsdefizit mit Japan abbauen helfen.

Unfähigkeit zum Import

Es kam anders. Die scharfe und unerwartet schnelle Dollarabwertung führte Japan in die schwerste Wirtschaftskrise seit dem ersten Ölpreisschock von 1973. 1986/87 wurde nur noch ein Wachstum von 2,4 Prozent verzeichnet. Ein Drittel der rund 1100 börsennotierten Firmen schrieb im operativen Geschäft rote Zahlen. Strukturschwache Branchen kündigten Massenentlassungen an. Japan importierte weniger, drückte aber unverdrossen seine Exporte (auch zu Verlustpreisen) auf den Weltmarkt. Das Gegenteil der handelspolitischen Ziele der Plaza-Runde war erreicht: Nippon registrierte einen rekordhohen Handelsüberschuß von 101 Milliarden Dollar.

Obwohl damit Geld in die japanische Wirtschaft gepumpt wurde, dachte die Industrie vor dem düsteren konjunkturellen Hintergrund nicht daran, produktiv zu investieren. Statt dessen begann die Großindustrie, ihre Überschüsse in Wertpapieren anzulegen, um die traurigen Betriebserträge durch Finanzgewinne aufzubessern. Der damalige Premier Yasuhiro Nakasone befürchtete mit Recht eine Verschärfung des Handelskonflikts mit den Vereinigten Staaten. In der Tat: Der Weltwirtschaftsgipfel von Venedig im Frühjahr 1987 verwandelte sich in ein Tribunal, das die Japaner der Unfähigkeit zum Import bezichtigte. Doch wie alle Regierungschefs vor und nach ihm gelang es Nakasone, sich mit dem Versprechen eines massiven Konjunkturpakets von sechs Billionen Yen (damals 78 Milliarden Mark) von der Anklage freizukaufen, ein Störenfried des Welthandels zu sein.

Die Routinegeste Nakasones entfachte daheim sofort eine wilde Spekulationswut: Mangels vorbereiteter Schubladenprojekte konnte jede Konjunkturspritze nur einen wilden Bauboom auslösen, der die ohnehin aberwitzigen Grundstückspreise Japans in stratosphärische Höhen trieb. Die Grundlagen für das "zweite japanische Wirtschaftswunder" waren geschaffen. 1987 verdoppelten sich die Preise für Grund und Boden. Da Nippons Großindustrie zugleich die größten und teuersten Latifundien im Inselreich besitzt, setzte ein Sturm auf den Aktienmarkt ein, dessen Kapitalisierung um 46 Prozent stieg: Aktien- und Immobilienspekulationen schaukelten sich so in schönem Wechselspiel nach oben. Ein Jahr später zog die Bank von Japan Bilanz: 1987 belief sich der Wertzuwachs von Immobilien und Aktien auf unglaubliche 480 Billionen Yen (damals 6400 Milliarden Mark).

Geld aus der Retorte