Chronik einer angekündigten Verurteilung

Von Rainer Frenkel

In Stuttgart wird gegenwärtig ein Theaterstück gespielt, das, an der Zahl der Aufführungen gemessen, ein großer Erfolg zu sein scheint. Nach der Zahl der Zuschauer – ein Reinfall.

Die Erklärung des Widerspruchs ist simpel: Zwar wird das falsche Stück gegeben, überdies mit dem falschen Hauptdarsteller. Jedoch, an Geld fehlt es nicht. Und wie das so ist auf dem Theater – es ist das Geld der Steuerzahler.

Spielort ist die sechste Strafkammer des Landgerichts, das Stück heißt „Steuerhinterziehung“, die Hauptrolle des Angeklagten hat Hans L. Merkle übernommen, von 1963 bis 1984 Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung, bis 1988 Chef des Aufsichtsrats, seither einer der beiden persönlich haftenden geschäftsführenden Gesellschafter der Konzernholding.

Hans L. Merkle, einer der bekanntesten und einflußreichsten Männer der deutschen Industrie, hat nun nicht etwa sich selbst bereichert, seine persönlichen wirtschaftlichen Verhältnisse sind „geordnet“, wie er es dem Vorsitzenden Richter Klaus Teichmann schon freimütig erklärt hat. Ihm wird vielmehr vorgeworfen, politische Parteien auf Umwegen mit Spenden bedacht zu haben, wobei diese Umwege auch den Fiskus umkurvten, also: Steuerhinterziehung.

In Zahlen: Die Staatsanwaltschaft wirft Merkle nach siebenjährigen Ermittlungen vor, in den Jahren von 1971 bis 1981 einer gewissen Gesellschaft zur Förderung der Wirtschaft Baden-Württemberg e.V. insgesamt knapp 6,4 Millionen Mark an Mitgliedsbeiträgen überwiesen, dieselben fälschlich als Betriebsausgaben deklariert und damit rund 3,9 Millionen Mark Steuern hinterzogen zu haben.