Von Hanna Krall

Die Journalistin und Schriftstellerin Hanna Krall wurde 1937 in Warschau geboren. In Polen sind bisher sieben Bücher von ihr erschienen, zwei wurden in den siebziger Jahren von der Zensur konfisziert. Ihre Romane „Schneller als der liebe Gott“ und „Die Untermieterin“ liegen auch auf deutsch vor, ebenfalls ihre literarischen Reportagen „Unschuldig für den Rest des Lebens“. Ein neuer Band erscheint im Mai im Verlag „Neue Kritik“. Er wird unter dem Titel „Krieg ist schrecklich“ auch die hier abgedruckte Geschichte enthalten.

[1.]

Dieses wissen wir ganz sicher: Das Mädchen war eine Deutsche und hieß Gretchen; sie wohnte in einem hübschen kleinen Städtchen am See, nicht weit von Grünberg, Zielona Góra; das Städtchen wurde von der Roten Armee im Januar 45 erobert; im September 45 gebar Gretchen eine Tochter, die sie Margarethe nannte: Das Kind war die Frucht einer Gewalt, verübt an Gretchen durch die siegreiche Armee; zwei Jahre später gebar Gretchen eine zweite Tochter; Gretchen und Margarethe reisten nach Deutschland aus: Das jüngere Mädchen wurde im Städtchen zurückgelassen; die jüngere Tochter von Gretchen und Schwester der Margarethe war damals vier Monate alt und hatte eine beidseitige Lungenentzündung, großgezogen hat sie ein kinderloses Ehepaar aus der Gegend hinter dem Bug.

So viel also wissen wir, alles übrige sind Vermutungen.

[2.]

Wie sah Gretchen aus?