Von Carola Stern

Verklärt die Wiedersehensfreude Meer und Strand? Oder hat die Natur die Menschen für die so schmerzlich empfundene Abgeschiedenheit entschädigen wollen? Hinter den letzten Häusern, im Niemandsland der Grenze, nisten Scharen von Raub- und Lachmöwen, ziehen kreischend über den Strand, fallen klatschend in die Ostsee oder tummeln sich zusammen mit Haffenten und aus dem Achterwasser an die See gezogenen Schwänen auf den ufernahen, mit Tang durchsetzten Muschelstreifen. Wie eh und je huscht nachts der Scheinwerfer des nahe gelegenen Swinemünder Leuchtturms über die vom Mond beschienene See, und von der Reede glitzern die Schiffslichter bis zum Inselstrand.

Die nur von Vogelschreien unterbrochene Stille, die reine Luft am Meer, der feinkörnige Sand – die Ostseeküste ist hier noch schöner als in der Erinnerung der Besucherin. Entlangschlendernd am Strand zwischen Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin, blickt sie über die Dünen auf die großen Häuser an der Uferpromenade und wähnt sich angesichts der einst so beliebten Ferienorte der Berliner zurückversetzt in ihr Kindheitsparadies. Die Idylle trügt. Ein Terrorakt und danach Mißwirtschaft und Privilegien haben in diesen wie in anderen Badeorten an der Küste Hochherrschaftliches und Schäbiges dicht nebeneinander wachsen lassen.

Im Frühjahr 1953 drangen Uniformierte in die Fremdenheime, Strandvillen und Pensionen ein, fanden hier ein paar versteckte Kaffeebohnen, dort eine Kiste ohne Bezugsberechtigung erworbenen Fisch oder legten, wenn sie gar nichts finden konnten, heimlich eine verbotene Zeitung ins Regal. Während die Eigentümer in Schnellgerichtsverfahren verurteilt wurden und nach Bützow ins Gefängnis kamen, fiel ihr Besitz, wenn er gut erhalten und besonders schön gelegen war, an sogenannte Sonderbedarfsträger wie das ZK der SED, die Staatssicherheit und Nationale Volksarmee. Diese richteten dort Feriendomizile ein für Politbüro- und Ministerratsprominenz, Armee- und Stasi-Generalität. Häuser der zweiten Kategorie wurden dem FDGB und Großbetrieben als Ferienheime überlassen, und in solche, die man zwar enteignet hatte, aber für kollektives Urlaubsleben nicht recht brauchen konnte, wiesen die Bürgermeister Ortsansässige ein. Da die niedrigen Mieten nirgends ausreichten, diese neuen Mietshäuser irgendwann zu renovieren, ließen die Gemeinden sie verkommen. Erst fiel der Putz, dann fielen Säulen und Stuckarbeiten ab; farblos-grau, städtischen Mietskasernen gleichend, stehen die verkommenen einstigen Pensionen an den Uferpromenaden. Vor einzelnen Hauseingängen lagern Kohlen, und auf der Promenade selbst sind stinkende Fischkisten gestapelt worden. Der Bürgermeister spricht von "Phänomenen des Territoriums" – nein, beim Namen will er den Ahlbecker Promenadendreck nicht nennen.

Hinter breiten Wasserlachen, Überläufen der verstopften Gullis, nur ein paar hundert Meter weiter, am Ortseingang von Heringsdorf, beginnt ein in der Wilhelminischen Gründerzeit entstandenes, gut erhaltenes Feudalgehege. In gepflegten Parkanlagen und Gärten liegen Jugendstilvillen und kleine Schlößchen, einstige Sommersitze Berliner Kaufleute, reicher Ärzte und Bankiers und danach Feriendomizile der Harry Tisch und Markus Wolf. Gewöhnliche Sterbliche liefen sich die Füße wund, um Handwerker zu finden; die einstigen Dachdecker, Elektriker und Klempner verdingten sich für guten Lohn bei den neuen Herrschaften und pflegten ihre Sommerresidenzen.

Jüngst angebrachte Angebote an den Zäunen, hier könne nun jedermann den Nachmittagskaffee mit Leckereien des hauseigenen Konditormeisters nehmen und auch die Sauna solle nun dem ganzen Volk gehören, kündigen den erneuten Wechsel an. Im kommenden Sommer werden hier Appartements und Leckereien nur noch gegen harte Währung an Bundesbürger abgegeben werden.

Das wurmt die Heimgekehrte: Ob im kaiserlichen Deutschland, in der Republik von Weimar oder dem Arbeiter-und-Bauern-Staat, jedesmal steht das biedere Ahlbeck hinter dem vornehmen Heringsdorf zurück. Als wollten sie solche Rangordnung wettmachen durch Patriotismus, lassen Ahlbecker aus den Fenstern selbst der verkommensten Gebäude lange schwarzrotgoldene Bundes- und blauweiße Pommernfahnen wehen und verleihen grauer Schäbigkeit einen theatralisch wirkenden Glanz – Ahlbeck, die anrührende Theaterkulisse für ein Tschechow-Stück.