Eine „Friedensgrenze“ solle aus der deutsch-polnischen Grenze werden, schlägt Helmut Kohl jetzt vor. Sobald die Einheit hergestellt sei, werde ein klares Wort zur Oder-Neiße-Linie fällig. Immerhin handele es sich um den Verzicht auf ein Viertel des ehemaligen Reichsgebietes. Aber geschichtliche Stunden forderten den „Mut zur Entscheidung“.

Er robbt sich an die Grenze heran, der Kanzler. Dabei benutzt er freilich auch das Wort vom „Verzicht“, als würde etwas aufgegeben, was die Deutschen nicht längst verspielt hätten. Und kommt die bittere Stunde, von der er spricht, wirklich erst demnächst? Gegen wen eigentlich macht Kohl sich Mut?

Wenn der Kanzler wirklich aus Angst vor Rechten und Republikanern schon vor der Vereinigung derart laviert, argumentierte kürzlich einer, der in Bonn großes Ansehen genießt, was um Himmels willen verleite ihn zu der Annahme, ausgerechnet danach werde die Rechte schweigen? Schließlich, so lautet die Sorge, stünde dieser Rechten die Grenze im vereinten Deutschland dann direkt vor Augen. Und obendrein hätte sie die Erfahrung gesammelt, sich auf die Geduld, Langmut und Kompromißbereitschaft des Kanzlers über lange Jahre hinweg verlassen zu können.

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Um die Parole „Schlesien bleibt unser“ gab es vor Jahren einen heftigen Streit. Helmut Kohl wollte unter diesem Motto, von dem er angeblich nichts gewußt hatte, nicht auftreten, woraufhin die Parole abgeändert wurde: „Schlesien bleibt unsere Zukunft im Europa freier Völker“.

An diese Groteske erinnert man sich, wenn man heute Herbert Hupka, den Vorsitzenden der Landsmannschaft Schlesien, hört: „Wir bekennen uns zu Schlesien. Wir treten mit allen friedlichen Mitteln für unser Schlesien ein. Wir streiten für Schlesien. Wir geben unser Schlesien nicht auf. Wir lassen von Schlesien nicht.“

Die Deutschen, behauptet Hupka, würden in der Grenzfrage „erpreßt“. Unrecht werde tabuisiert. Ein „Grenzdiktat“ werde geplant wie 1919 in Versailles. Kohls Kompromiß von damals hat in Wahrheit – wer hätte es nicht gewußt? – nichts bewirkt.